01. Dezember 2021 / 14:29 Uhr

Baumeister im Wartestand: So will Ralf Rangnick Manchester United zurück auf Kurs bringen

Baumeister im Wartestand: So will Ralf Rangnick Manchester United zurück auf Kurs bringen

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ralf Rangnick steht bei Manchester United vor einigen Baustellen.
Ralf Rangnick steht bei Manchester United vor einigen Baustellen. © IMAGO/Jan Huebner (Montage)
Anzeige

Ralf Rangnick muss sein Debüt als Trainer bei Manchester United verschieben. Die Liste seiner Baustellen ist lang, die Einflüsse von außen sind nicht zu unterschätzen. SPORTBUZZER-Kolumnist Hendrik Buchheister macht die Analyse.

Auch am Donnerstag beim Spiel gegen den FC Arsenal (21.15 Uhr, Sky) wird der Platz auf der Bank von Manchester United von Michael Carrick besetzt sein. Weil Ralf Rangnick noch die seit dem Brexit nötige Arbeitserlaubnis fehlt, gibt der neue Coach der "Red Devils" sein Debüt wohl erst Sonntag gegen Crystal Palace.

Anzeige

Den Einfluss des Deutschen glaubten viele Beobachter aber bereits beim 1:1 beim FC Chelsea letztes Wochenende zu erkennen. Statt im üblichen 4-2-3-1 spielte Englands abgestürzter Rekordmeister in einer Formation mit zwei Stürmern. Der zu dieser Saison nach Old Trafford zurückgekehrte Volksheld Cristiano Ronaldo saß nur auf der Bank. Die Fachwelt diskutierte, ob Rangnick die Aufstellung schon vor seiner Ankunft angeordnet habe. Nein, nein, versicherte Michael Carrick, der Man United nach dem Aus von Trainer Ole Gunnar Solskjaer zuletzt betreute, die Umstellung und Ronaldos Verbannung aus der Startelf seien seine – also Carricks – Entscheidungen gewesen.

Ob das stimmt oder nicht – fest steht, dass die Formation gegen Chelsea ein Hinweis darauf war, was kommen dürfte unter Rangnick, dem neuen Interimstrainer für den Rest der Saison mit anschließender Beraterfunktion. Der Taktikguru bevorzugt ein 4-2-2-2 und setzt auf intensives Pressing. Für dieses ist Ronaldo nur bedingt geeignet, trotz seiner individuellen Klasse und seiner formidablen Torbilanz von zehn Treffern in 15 Spielen seit seiner Rückkehr. Ob es Rangnick gelingt, die Saison des Premier-League-Achten zu retten, wird auch von seinem Umgang mit Ronaldo abhängen. Schafft er es, den Portugiesen in sein System einzubauen? Und, falls Ronaldo öfter auf der Bank landet: Wie moderiert er die atmosphärischen Störungen, die sich daraus ergeben dürften?


Rangnick hatte bei seinen Stationen in Deutschland oft beinahe schrankenlose Befugnisse, doch Manchester United ist ein "different beast", wie man in England sagt, ein Monstrum aus einer anderen Gewichtsklasse. Der Trainer muss sich mit den in Florida ansässigen und beim Publikum verhassten Besitzern arrangieren, der Glazer-Familie. Die operative Führung des Klubs befindet sich im Umbruch. Geschäftsführer Ed Woodward wird seinen Posten in Kürze räumen. Die Direktoren Darren Fletcher und John Murtough sind erst seit März im Amt. Trainerikone Sir Alex Ferguson ist im Verein immer noch eine wichtige Stimme. Der Lärm, der um Man United herrscht, ist mit kaum einem Klub im Weltfußball vergleichbar. Ex-Spieler wie Gary Neville, Rio Ferdinand, Roy Keane oder Paul Scholes sind prominente TV-Fachleute und trauern ihrem Ex-Mitspieler Solskjaer hinterher. Rang­nick muss sich durch ein Geflecht aus Zuständigkeiten und Einflüssen manövrieren, wie er es bisher noch nicht erlebt hat.

Rangnick soll Ordnung bringen

Viele trauen ihm zu, United ähnlich schnell auf Kurs zu bringen, wie es Thomas Tuchel bei Chelsea gelungen ist. Der Kader des Rekordmeisters verfügt über genug Qualität, um noch die Qualifikation für die Champions League zu schaffen und in der aktuellen Königsklasse eine gute Rolle zu spielen. Wichtig ist dafür, dass Rangnick der Mannschaft eine spielerische Identität verpasst. Unter Solskjaer operierte Man United oft chaotisch und planlos. Am besten brachte das Torwart David de Gea mit seiner verheerenden Analyse nach der 1:4-Pleite beim FC Watford vor anderthalb Wochen auf den Punkt, die Solskjaer den Job kostete: "Wir wissen nicht, was wir mit dem Ball machen sollen." Ordentliches Verteidigen sei der Mannschaft fremd.

Ein Profi, der für Rangnicks Stil gut geeignet sein dürfte, ist Jadon Sancho. Der Ex-Dortmunder spielte unter Solskjaer zur allgemeinen Verwunderung keine Rolle, schoss zuletzt unter Carrick allerdings in zwei Spielen (in der Königsklasse gegen Villarreal und gegen Chelsea) seine ersten beiden Treffer. Rangnick könnte Sancho zu einer zen­tra­len Figur bei seiner Hilfsmission in Old Trafford machen.