28. Juli 2021 / 12:48 Uhr

Bitter: Scoccimarro Olympia-Fünfte nach starkem Bronze-Kampf

Bitter: Scoccimarro Olympia-Fünfte nach starkem Bronze-Kampf

Maik Schulze und Jürgen Braun
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Es ging hoch hinaus: Am Ende landete Giovanna Scoccimarro bei Olympia auf dem fünften Platz, verpasste Bronze knapp.
Es ging hoch hinaus: Am Ende landete Giovanna Scoccimarro bei Olympia auf dem fünften Platz, verpasste Bronze knapp. © Imago Images
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Olympia-Drama: Die Lessienerin Giovanna Scoccimarro, die für den MTV Vorsfelde startet, hat am Mittwoch haarscharf Bronze bei den Olympischen Spielen in Tokio verpasst. Die Judoka verlor in der 70-Kilo-Klasse den Kampf um Platz drei gegen die Niederländerin Sanne van Dijke, wurde damit Fünfte.

Bärenstark, und doch am Ende traurig: Giovanna Scoccimarro (23) vom MTV Vorsfelde hat am Mittwoch um 12.40 Uhr deutscher Zeit Judo-Bronze bei den Olympischen Spielen verpasst. In der Klasse bis 70 Kilo unterlag die Lessienerin der Niederländerin Sanne van Dijke. Es wäre die erste Einzelmedaille für einen Aktiven oder eine Sportlerin aus Wolfsburg seit 33 Jahren gewesen. 1988 hatte Frank Wieneke für den VfL Wolfsburg Judo-Silber geholt. Doch Scoccimarro unterlag nach fast achtminütiger Verlängerung durch einen Hüftwurf, wurde somit Fünfte. Dabei hatte sie schon an Bronze geschnuppert. Erschöpft und mit leerem Gesichtsausdruck verließ sie die Matte im traditionsreichen Budokan.

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Deutschland wurde langsam wach, da war Giovanna Scoccimarro schon hellwach. Die Judoka des MTV Vorsfelde schlug morgens um kurz nach 5 Uhr Medaillenkurs bei den Olympischen Spielen in Tokio ein. Nach zwei Siegen in der Vorrunde traf sie aber auf Topfavoritin Chizuru Arai. Sie verlor, musste in die Trostrunde.

So lief der Tag: Zum Auftakt ging es gegen Elvismar Rodriguez - und mit der Venezolanerin gibt es eine gemeinsame Geschichte. Bei ihrer ersten Grand-Prix-Teilnahme 2017 in Düsseldorf traf Scoccimarro auf die Südamerikanerin. Damals wurde es eng. „Anfangs habe ich mich unterlegen gefühlt“, gestand die Top-Judoka, „aber am Ende habe ich gemerkt, dass sie abbaut.“ Scoccimarro gewann mit einem Ippon, wurde letztlich Fünfte. Und auch heute war es erfolgreich.

Mehr über Giovanna Scocimarro

Die Lessienerin klatschte mit Bundestrainer Claudiu Pusa ab, kam dynamisch auf die Matte - und legte dort direkt los. Der Lohn: Eine erste Wertung nach 1:16 Minuten Kampfzeit, die Athletin des MTV Vorsfelde bekam einen O Uchi Gara gutgeschrieben. "Diese Technik kann sie sehr gut", so Alexander von der Groeben, der ehemalige Spitzenjudoka des VfL Wolfsburg.

Die 23-Jährige behielt gegen die griffige Venezolanerin auch danach die Oberhand, kontrollierte das Geschehen. Die Zeit spielte für sie, einen Shido kurz vor Schluss konnte sich Scoccimarro locker leisten, sie ließ clever die Uhr runterlaufen, ohne noch einmal wegen Passivität bestraft zu werden.

Die Lessienerin stand damit in Tokio als zweite Deutsche im Achtelfinale, das war vorher nur Theresa Stoll (bis 57 kg) gelungen, weiter kam noch keine.


Das Achtelfinale

Danach wartete Aoife Coughlan. Zuletzt gab es bei der WM für die Lessienerin ein kräftezehrendes Drama gegen die Australierin, die Scoccimarro im Januar beim Masters in Doha noch besiegt und damit Bronze geholt hatte. Nach dem regulären Kampf (vier Minuten) ging es in den Golden Score, die Verlängerung. Nach weiteren acht Minuten und 50 Sekunden waren beide ausgepowert und suchten nach den letzten Kraftreserven. Die dritte Bestrafung Scoccimarros bedeutete gleichzeitig ihr Aus. Nach insgesamt 12:50 Minuten – einer Kampfzeit, die für über drei Duelle gereicht hätte. Eine ganz bittere Niederlage, die die 23-Jährige noch einmal im Kampf um das Olympia-Ticket zittern ließ.

Jetzt also das dritte Aufeinandertreffen in diesem Jahr zwischen Scoccimarro und Coughlan, die in ihrem Auftaktkampf gegen Kinaua Biribo aus Kiribati nicht gefordert war, nach weniger als einer Minute per Ippon siegte.

Und Scoccimarro hatte die richtigen Schlüsse aus ihrer jüngsten Niederlage nach epischem Kampf gezogen. Die 23-Jährige überrollte die Australieren, hatte nach 65 Sekunden den Einzug ins Poolfinale in der Tasche - Ippon! Siegerfaust! Pool-Finale erreicht!

Das Pool-Finale

Da ging's erwartungsgemäß gegen Chizuru Arai. In Sachen Weltrangliste war Scoccimarro (Neunte) hier gegen die Japanerin erstmals Außenseiterin. Arai hatte nach einem Freilos schon mächtige Probleme mit Maria Perez (Puerto Rico), gewann erst im Golden Score.

Im Duell mit der Lokalmatadorin ging's für die 23-Jährige ohne Wertung in die letzte Kampfminute, der Einzug ins olympische Halbfinale war da noch nah für die Lessienerin - dann schlug Arai zu. Erst ein Uchi-Mata, dann nur 21 Sekunden später die nächste Waza-Ari-Wertung für die Japanerin, Scoccimarro hatte den Kampf verloren.


Die Trostrunde

Aber noch nicht die Chance auf eine Medaille. In der Trostrunde war noch Bronze drin. Da ging es gegen Elisavet Teltsidou weiter. Die Weltranglisten-28. aus Griechenland hatte im ersten Kampf Europameisterin Margaux Pinot (Frankreich) besiegt, damit Großes geleistet. Eurosport-Kommentator Neil Adams, 1984 Olympia-Zweiter nach einer Finalniederlage gegen Frank Wieneke vom VfL Wolfsburg, meinte: "Wahrscheinlich greift Scoccimarro wieder mit rauchenden Colts an!" Das kam auch so.

Die hibbelige und quirlige Teltsidou kassierte schnell einen Shido, dann einen zweiten. Trotzdem: Vorsicht! Die Griechin blieb bissig. "Nicht überraschen lassen und "trau dich", rief Pusa vom Mattenrand der Lessienerin zu. 20 Sekunden vor Schluss war Scoccimarro nah an einer Wertung dran, doch es ging in den Golden Score. Weil sie die Matte verlassen hatte, rausgetreten war, gab's für die 23-Jährige den ersten Shido.

Doch die MTV-Athletin machte Dampf, die Griechin schnappte nach Luft. "Tempo beibehalten", forderte Pusa, der die "guten Ideen" von Scoccimarro lobte. Teltsidou nutzte Pausen, ließ sich auch beim richten der Frisur und des Judo-Anzugs mächtig viel Zeit. Aus der Ruhe brachte die Lessienerin das aber nicht. Nach insgesamt 6:42 Minuten Kampfzeit haute sie richtig einen raus. Erst versuchte sie es innen, dann außen - und rumms, mit einem sauberen O Soto Gochi schmetterte sie die Griechin auf die Matte. "Jaaaaaa!" Scoccimarro schrie ihre Freude heraus, hatte den Einzug in den Kampf um olympisches Bronze geschafft.

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Der Kampf um Bronze

Dort wartete Sanne van Dijke (Niederlande). Die wird von Michael Bazynski gecoacht. Der war früher Bundestrainer, kennt daher auch Scoccimarro gut. Gegen die Niederländerin hatte die MTV-Athletin 2017 das EM-Finale verloren, war auch beim Masters Anfang des Jahres - wo die Lessienerin Bronze gewann - nach drei Shidos unterlegen. Dass sie van Dijke besiegen kann, hatte die 23-Jährige aber 2019 bewiesen, da feierte sie einen Ippon-Erfolg im Bundesliga-Duell.

Scoccimarro startete gut ins Duell. Selbstbewusst, konzentriert, aktiv. Gegen die starke Niederländerin ging es so in den Golden Score. Die MTV-Athletin blieb dran, merkte: Heute ist van Dijke bei einem großen Turnier für sie schlagbar. "Sehr gut, das war klasse", lobte Pusa dia Aktionen seines Schützlings. Die Niederländerin kassierte ihren ersten Shido. Scoccimarro wollte, kämpfte, ja wühlte sich durch den Golden Score. Es blieb aber auch ein Nervenkrieg. Zwei Minuten rum, drei, dann vier - eine einzige Aktion würde jetzt entscheiden. Scoccimarro versuchte es mit einem Uchi-Gari, mit einem Hüftwurf, dann kassierten beide einen Shido, für die Niederländerin der zweite. "Ein heißes Gefacht", schwärmte ZDF-Kommentator von der Groeben. Dann kassierte auch die Lessienerin ihren zweiten Shido aufgrund einer unerlaubten Technik. Ein dritter Shido würde nun für beide das Aus bedeuten. "Ein Psycho-Drama", so von der Groeben. Das Scoccimarro verlor. Nach 11:44 Minuten Kampfzeit katapultierte die Niederländern sie "nach einem schönen Hüftzug", so der Kommentator, auf die Matte. Der MTV-Athletin blieb Platz fünf.

Am Samstag steht der Mixed-Team-Wettbewerb an

Die Olympischen Spiele sind damit aber noch nicht für Scoccimarro beendet. Die Lessienerin startet mit dem Team Deutschland noch im Mixed-Wettbwerb am 31. Juli. Insgesamt sechs Einzelkämpfe (dreimal Frauen, dreimal Männer) stehen dann pro Runde auf dem Programm. Deutschland startet gegen das Refugee Olympic Team (Olympia-Flüchtlings-Team), Scoccimarro trifft dabei auf Nigara Shaheen.

Bundestrainer Pusa blickt optimistisch auf die Premiere. „Die Mannschaft ist in der Lage, ein richtig gutes Team zu werden und wir werden unser Bestes geben. Ich glaube, wir können als Mannschaft um die Medaillen kämpfen.“