17. April 2021 / 15:31 Uhr

Delitzscher Orientierungstaucherin Preuß: Mit dem Kompass auf Medaillenjagd

Delitzscher Orientierungstaucherin Preuß: Mit dem Kompass auf Medaillenjagd

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Heike Preuß (rechts) und Yvonne Becker nach ihrem Weltmeistersieg von 2005 in Graz.
Heike Preuß (rechts) und Yvonne Becker nach ihrem Weltmeistersieg von 2005 in Graz. © Privat
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Auch wenn sie ihre internationale Karriere eigentlich schon an den Nagel gehängt hat, bleibt Orientierungstauchen die große Leidenschaft der zweimaligen Weltmeisterin Heike Preuß.

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Delitzsch. Zu Hause im Flur sind die wichtigsten Siegerpokale aufgereiht, im Wohnzimmerschrank liegen gut sichtbar drei Weltmeisterschafts-Medaillen, zwei davon aus Gold. Orientierungstaucherin Heike Preuß ist wohl die erfolgreichste Delitzscher Sportlerin überhaupt und genießt dennoch nur selten öffentliche Aufmerksamkeit. „Wir sind nun mal Exoten, weil unser Sport nicht zuschauerfreundlich ist und von den Medien kaum wahrgenommen wird“, sagt die 53-Jährige, „aber mich fasziniert die Kombination aus Schnelligkeit und Beherrschung der Technik.“

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Obwohl Heike Preuß ihre große internationale Karriere nach fast drei Jahrzehnten in der Weltklasse 2010 beendet hat, gehört sie immer noch zur deutschen Spitze und zum B-Kader. Ihre nationalen Titel hat sie nicht gezählt, 2019 holte sie noch einmal Bronze. Im vergangenen Jahr konnte sie ihre beeindruckende Trophäensammlung nicht erweitern. Wegen der Pandemie fanden nur zwei kleinere Wettkämpfe statt, die deutschen Meisterschaften mussten abgesagt werden. Ob sich in diesem Jahr mehr Bewährungsproben bieten, steht noch in den Sternen. Heike Preuß hofft darauf und macht unverdrossen weiter. „Aus Spaß an der Freude. So lange ich gesund bin, wird das meine Leidenschaft bleiben.“

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Seit 20 Jahren ist sie zudem Vorsitzende des Delitzscher Tauchclubs, der 55 Mitglieder hat: Viele Hobbytaucher und Finswimmer, aber eben auch acht Orientierungstaucher, darunter klangvolle Namen wie Daniel Sonnekalb (mehrfacher Weltmeister, lebt in Freiburg), Willi Krause und Dirk Preuß. Auch Heikes fünf Jahre jüngerer Bruder, der jetzt in Jena wohnt, war international sehr erfolgreich, startet noch für die Delitzscher und ist im Welttauchverband CMAS als Sportdirektor für die Orientierungstaucher verantwortlich.

Wackelnde PVC-Röhren als Indikator

Deren Saison beginnt erst mit der wärmeren Jahreszeit. Heike Preuß, die als Berufsschullehrerin arbeitet, hält sich im Winter mit Radfahren und Inline-Skaten fit. Die knappen Hallenzeiten in Leipzig (in Delitzsch gibt es keine Schwimmhalle) überlässt sie mittlerweile jüngeren Vereinsmitgliedern. Aber irgendwann im Mai wird sie sich wieder in Sandersdorf, wo die Delitzscher seit langem ihr Trainingsdomizil und ihre sportliche Basis haben, in die Fluten der Förstergrube stürzen („Meine Schmerzgrenze sind zwölf Grad Wassertemperatur“), ausgerüstet mit Neoprenanzug, Monoflosse, Pressluftflasche, Kompass und Meterzähler. Per Delfinschlag wird sie für schnellen Vortrieb sorgen und ihre Unterwasser-Ziele ansteuern.

Die Wettkampfstrecken sind meist 650 Meter lang. Auf unterschiedlichen Kursen müssen die Orientierungstaucher mehrere aus dem Wasser ragende PVC-Röhren finden und anschlagen, die dann für die Kampfrichter sichtbar wackeln. Eine am Körper befestigte Sicherheitsboje zeigt Jury und Zuschauern ständig den Standort der Sportler an. Es gibt vier Einzeldisziplinen (Fünf-Punkte-Kurs, Sternkurs, M-Kurs, Shortrace) und zwei Teamwettbewerbe, die Mannschaftstreffübung (MTÜ, vier Taucher) und die Mannschaftsorientierung nach Karte (MONK, zwei Taucher).

Preuß'sche Familientradition im Tauchclub Delitzsch

Heike und Dirk Preuß lernten das sportliche Handwerk vom ihrem Vater Erwin, heute 84, Gründungsmitglied und später Chef des Vereins. Tauchsport wurde in der DDR von der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) gefördert und war in Delitzsch beim RAW möglich. Heike Preuß begann als Neunjährige mit Flossenschwimmen, wurde da DDR-Meisterin im Nachwuchs, und 1983 nach Erwerb des Tauchscheins mit dem Orientierungstauchen. Ihre große Zeit schlug nach der Wende. Von 1993 bis 2010 gehörte sie stets der Nationalmannschaft an und startete als eine der fünf besten deutschen Frauen bei Welt- und Europameisterschaften sowie bei Weltcups, unter anderem in Italien, Spanien, Frankreich, Ungarn, Estland und Tschechien.

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Mit der deutschen MTÜ-Mannschaft erkämpfte sie 1994 in Polen ihren ersten Weltmeistertitel, der zweite folgte 2005 in Österreich mit dem MONK-Team. Stolz ist Heike Preuß auch auf ihren schönsten Einzelerfolg: 1999 gewann sie WM-Silber in Kroatien, musste sich auf dem Sternkurs nur einer Russin geschlagen geben. „Das war ein hartes, unglaublich schweres Rennen, die Sicht betrug nur 40 Zentimeter, ich war froh, dass ich überhaupt über den Kurs gekommen bin.“

Auch an die damalige Prämie von 2000 D-Mark erinnert sie sich gern, denn im nicht-olympischen Orientierungstauchen war und ist kaum Geld zu verdienen. Sponsoren sind in dieser Randsportart dünn gesät. Umso mehr freute sich Heike Preuß über eine besondere Ehrung. 2008 erhielt sie gemeinsam mit Bruder Dirk und Daniel Sonnekalb aus den Händen des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble das Silberne Lorbeerblatt, die höchste Auszeichnung des deutschen Sports. Die Preuß'sche Familientradition im Tauchclub Delitzsch wird übrigens fortgesetzt. Marek, 15, Sohn von Dirk, ist ebenfalls Orientierungstaucher. Heikes neunjährige Tochter Nina frönt dem Finswimming und wird wohl in die großen Fußstapfen ihrer Mutter treten, wenn sie den Tauchschein hat.