18. Dezember 2020 / 14:55 Uhr

Die Sportvereine trotzen dem Mitgliederschwund

Die Sportvereine trotzen dem Mitgliederschwund

Jürgen Brumshagen
Kieler Nachrichten
Gähnende Leere auf den Spielflächen und Fluren der Sporthallen. Dass der Amateursport pausieren muss, könnte in vielen Vereinen zum Problem werden.
Gähnende Leere auf den Spielflächen und Fluren der Sporthallen. Dass der Amateursport pausieren muss, könnte in vielen Vereinen zum Problem werden. © Sascha Klahn
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Die Sportvereine werden in Corona-Zeiten immer kreativer. Trainer denken sich Online-Angebote in den unterschiedlichsten Variationen aus. Trotzdem sind sich alle Verantwortlichen einig: Echtes Vereinsleben funktioniert nur im persönlichen Austausch und mit realem Kontakt. Die Freude in den Augen der Kinder, wenn sie von ihren Übungsleitern gelobt werden, der Spaß, gemeinsam an einem Turnier teilzunehmen und der Jubel, wenn das entscheidende Tor für die eigene Mannschaft erzielt wurde, ist durch keinen Online-Kursus zu ersetzen.

Das spüren die Klubs bei den Mitgliederzahlen. „Wir rechnen mit Rückgängen von bis zu zehn Prozent. Die genauen Daten bekommen wir erst in den kommenden Wochen“, sagt Sven Neitzke, Geschäftsführer des Kreissportverbandes Segeberg. Zu Beginn dieses Jahres tauchten 203 Vereine mit insgesamt 62462 Mitgliedern in der Statistik auf. Der größte, der SV Henstedt-Ulzburg, hatte am 1. Januar 4659 Mitglieder. Der kleinste, der Sportverein Burgfelde Bad Segeberg, hatte drei. „Wir stehen in regem Kontakt mit den Vereinen. Die Stimmung ist angespannt“, so Neitzke.

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Im SV Henstedt-Ulzburg läuft das Geschäftsjahr bis Juli. „Der Abschluss für 2019/20 war positiv“, sagt Timo Scholle, Vorsitzender des Aufsichtsrats. „Aber nun zeichnet sich ab, dass wir rund 300 Mitglieder verloren haben.“ Viele der Austritte wären passive Mitglieder oder „Karteileichen“. Scholle: „In Zeiten von Kurzarbeit wird geschaut, wo man Kosten sparen kann.“ Der Teamsport sei kaum betroffen. „Viel länger als Januar sollte das Verbot aber nicht dauern.“ Dann werde es zunehmend problematisch, die Krise zu meistern. Die SVHU-Verantwortlichen versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen. „Die Planung für die Sanierung des Sportlands laufen auf Hochtouren“, erklärt Rosario Cassara, Leiter der Geschäftsstelle. „Außerdem kümmern wir uns um viele Dinge, für die sonst keine Zeit ist.“

SVHU-Aufsichtsrat Timo Scholle: „Viel länger als Januar sollte das Sportverbot nicht dauern.
SVHU-Aufsichtsrat Timo Scholle: „Viel länger als Januar sollte das Sportverbot nicht dauern. © Nicole Scholmann

„Die erste Welle im Frühjahr hat uns nicht erfasst, die zweite trifft auch uns“, sagt Lutz Blödorn, der die Kasse der Kaltenkirchener TS führt. Carola Kubisch, Leiterin der Geschäftsstelle, nennt Zahlen: „Nach 1852 Mitgliedern zu Jahresbeginn steht die KT jetzt bei rund 1700.“ Dazu Blödorn: „Das Minus in der Kasse ließe sich bei 100 Mitgliedern weniger einsparen. Aber bei einem Minus von 200 beginnen die Sorgen.“ Die KT, die sich gerade erst entschuldet hatte, benötigt dringend Einnahmen. Der Stadtlauf, der in diesem Jahr ausfallen musste, soll am 1. Mai 2021 stattfinden.

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Die Bramstedter TS erfreute sich dank der 2019 gegründeten American-Football-Sparte mit den dazugehörigen Cheerleadern eines großen Zulaufs. Der Verein wuchs von 1699 (1. Januar 2020) auf 1780 am Ende des dritten Quartals. Trotzdem macht sich der stellvertretende Vorsitzende Thilo Jeske Sorgen: „Zurzeit können die Sportvereine ihre Aufgaben nicht erfüllen, nämlich sich um die Jugend, das Ehrenamt und das soziale Gruppenverhalten zu kümmern. Das ist eine Katastrophe. Ich habe ernsthafte Bedenken, dass wir vor allem Jungs an die Computerspiele verlieren.“

Auf dem Trockenen sitzen die Norderstedter Schwimmvereine, die Startgemeinschaft Wasserratten und die DLRG Norderstedt. Die Vereinsvorsitzenden Klaus Bortel (SGW) und Holger Lahn (DLRG) beklagen nicht nur finanzielle Verluste. „Wir haben einen kompletten Jahrgang an Schwimmanfängern nicht ausbilden können. Die Wartelisten für Seepferdchen- und Freischwimmerkurse werden sich erheblich verlängern“, sagt Klaus Bortel. „Es wäre wünschenswert, wenn die Schwimmhallen schnell wieder für Ausbildungszwecke genutzt werden könnten“, ergänzt Holger Lahn.

Norderstedts größter Sportverein TuRa Harksheide verzeichnet einen Rückgang auf 3735 Mitglieder (1. Januar: 3923). TuRa betreibt, wie der Norderstedter SV gemeinsam mit dem 1. SC Norderstedt, einen Youtube-Kanal, auf dem Video-Angebote zum Mitmachen auffordern. Auch beim knapp 700 Mitglieder großen BSV Kisdorf wird online gesportet. Neben Hip-Hop und Pound ist Zumba angesagt. „Das klappt ganz gut“, sagt BSV-Chef Bernd Schenkel.

2021 wird der TSV Quellenhaupt Bornhöved 111 Jahre alt. Ob wie ursprünglich geplant im Mai groß gefeiert wird, steht in den Sternen. Mit 669 Mitgliedern startete der von Jan-Philipp Krawczyk geführte Verein in das Jahr 2020. „Wir haben 80 Mitglieder verloren“, bedauert Krawczyk. „Das ist ein Einschnitt. Als Dorfverein mit relativ wenigen temporären Kursangeboten können wir dennoch hoffen, glimpflich durch die Krise zu kommen. Aber dafür dürfen wichtige Einnahmequellen wie der Night Run, der Q-Tri und das Hallenturnier der Fußballer kein zweites Mal wegbrechen.“

Die Gemeinde Wiemersdorf zählt 1600 Einwohner. „Dass wir einen Sportverein mit 1060 Mitgliedern haben, erfüllt uns mit Stolz“, sagt Bernd Riewe, Vorsitzender des TSV Wiemersdorf. Die Solidarität mit dem Klub sei groß. „Wir haben zwei, drei Austritte, ansonsten ist alles im Lot“, freut sich Rieve. Auch im Musikzug, der Teil des Vereins ist, gebe es keine Verluste. „Dabei sind die Musiker so gebeutelt, wie keine anderen unserer Mitglieder. Seit März haben sie kein einziges Mal zusammen geübt.“

Trotz Sportverbot gut gelaunt: Bernd Rieve, Vorsitzender des TSV Wiemersdorf.
Trotz Sportverbot gut gelaunt: Bernd Rieve, Vorsitzender des TSV Wiemersdorf. © Archiv

„Wir haben den ersten Lockdown kaum gespürt. Jetzt zeichnet sich aber ab, dass uns in den Hallen-Angeboten Sportler verloren gehen“, sagt Nils-Peter Finnern, Fußballobmann der SG Seth. Seine Frau Britta führt die Kasse des Vereins, der mit 380 Mitgliedern ins Jahr 2020 gestartet war. „Wir rechnen damit, dass uns rund zehn Prozent der Mitglieder verlassen werden.“