15. April 2021 / 07:26 Uhr

Drei Benjamins gegen Corona: Wie Chemie Leipzigs Oldies die ungewöhnlichste Saison ihrer Karriere erleben

Drei Benjamins gegen Corona: Wie Chemie Leipzigs Oldies die ungewöhnlichste Saison ihrer Karriere erleben

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Kempner
Die Chemiker wollen Benjamin Boltze, Benjamin Schmidt und Benjamin Bellot würden gerne die Saison mit Gewinn des Sachsenpokals abschließen. © Kempner
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Corona hält die Sportwelt und gerade die Amateurvereine fest im Griff. Im SPORTBUZZER-Interview sprechen Benjamin Boltze, Benjamin Schmidt und Benjamin Bellot über die Auswirkungen der Pandemie auf den Sport und Alltag, den Sachsenpokal und ihren Verbleib bei Chemie Leipzig.

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Leipzig. Sie sind die Routiniers der BSG Chemie. Teilweise wurden sie gemeinsam in der Jugend von Vorgängerverein FC Sachsen groß – und sie tragen allesamt den gleichen Vornamen: Die Benjamins namens Boltze, Bellot und Schmidt erleben gerade miteinander die seltsamste Saison ihrer langen Karrieren. Die drei Bennys über den Umgang mit Corona, die teils skurrilen Momente in der Krise, ihre Pläne für die Zukunft und ihre Meinung zur Entscheidung zum Sächsischen Landespokal.

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Benjamin Schmidt stammt aus Leipzig. Der Innenverteidiger wurde beim FC Sachsen groß und spielte mit Ausnahme von drei Jahren, die er bei RB Leipzig II verbrachte, immer in Leutzsch. Benjamin Boltze wurde 1986 in Wurzen geboren. Der Verteidiger startete von Machern kommend durch: VfB Leipzig U19, FC Sachsen, Dynamo Dresden, Chemnitz, Halle, Magdeburg, Meuselwitz und Halberstadt. Seit zwei Jahren kickt er wieder in Leutzsch. Der Dritte im Bunde ist der gebürtige Leipziger Benjamin Bellot. Der 30 Jahre alte Torhüter spielte für alle drei Leipziger Vereine – in der Jugend bis 2004 beim VfB, bis 2009 beim FC Sachsen und bis 2016 bei RB. Danach verbrachte er zwei Jahre unter Ex-RB-Trainer Alexander Zorniger im dänischen Bröndby und steht seit 2019 bei der BSG Chemie im Regionalliga-Tor.

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SPORTBUZZER: Wer ist eigentlich der erfolgreichste von Euch – wer hat die meisten Titel geholt?

Benny Schmidt: Landesmeister 2016, Oberligameister 2017 und 2019, Pokalsieger mit Chemie 2017.

Benny Boltze: Ein paar Aufstiege habe ich auch, wie den in die Dritte Liga mit dem HFC. Aber ich erinnere mich eher an die Pokalsiege, sechs Stück waren es insgesamt mit dem FC Sachsen, Chemnitz (2x), Halle (2x) und Magdeburg.

Benny Bellot: Bei mir waren es zwei Sachsenpokalsiege mit RB. Dafür habe ich mit Bröndby den Pokalsieg in Dänemark geholt, also einen Landestitel.

Was war das verrückteste, was Ihr in eurer langen Karriere erlebt habt?

Schmidt: So komisch es klingt, war es das Spiel gegen Gera 2019, als es um nichts mehr ging, weil wir bereits aufgestiegen waren. Das was so untypisch, weil es für Chemie sonst immer um alles ging – Aufstieg, Abstieg, irgendwas ist ja immer.

Boltze: Wir haben mit dem CFC mal die Trikots in Hannover vergessen und deshalb auch mit 96-Dressen gespielt. Das Freundschaftsspiel mit Chemie bei Eintracht Frankfurt war ein absolutes Highlight. Wie viele Chemiker dort waren, die Stimmung, die Choreos, die Pyroshow – unfassbar. Danach habe ich mir gesagt, dass es der richtige Schritt war, zurückzukommen.

Bellot: Mein beeindruckendstes Spiel war das Finale gegen Silkeborg mit 30.000 Heimfans in Kopenhagen sowie dann das Euroleague-Spiel in Finnland bei 30 Grad auf Kunstrasen.

Corona-Auswirkungen

Ihr habt schon so viel erlebt – aber die derzeitige Situation ist auch für Euch neu. Wie wirkt sich Corona beruflich auf Euch aus?

Schmidt: Ich studiere ja auf Lehramt, das letzte Jahr an der Uni wollte ich noch so richtig genießen, die Vorlesungen, mit Kommilitonen in der Cafeteria sitzen… Jetzt geht alles nur von zu Hause aus online. Ich kompensiere das mit viel Musik machen, ich lerne mir gerade, wie man Musik produziert.

Boltze: In meinem Job beim Sportartikelvertrieb 11teamsports bin ich seit Dezember auf Kurzarbeit. Eigentlich bin ich im Außendienst tätig und versorge Sportvereine mit Materialien, aber das kann man sich jetzt auch gerade schenken.

Bellot: Die Arbeit bei einem Immobilienentwickler läuft halbwegs normal. Ich habe mega-viel Zeit mit meiner Tochter verbringen können, das machte es fast schon zu einer positiven Geschichte, wenn man das so sagen kann.

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Ihr dürft ja trainieren, macht Testspiele und profitiert dabei vom besonderen Status der Regionalliga. Aber seltsam muss es sich doch trotzdem anfühlen?

Schmidt: Und wie! Wenn man zum Training über den Norddamm geht und sich überlegt, wie lange hier niemand mehr gestanden hat… Das fühlt sich so unvollständig an, so seltsam. Aber wir dürfen uns absolut glücklich schätzen, dass wir trainieren dürfen.

Boltze: Das Zwischenmenschliche bleibt halt auf der Strecke. Man hat sich sonst immer etwas eher getroffen, hat einen Kaffee getrunken, Musik gehört, das Spiel ausgewertet und auch mal Privates ausgetauscht. Das macht Mannschaftssport ja aus. Es fehlt schon, dass man mal Anfang der Woche ein Radler trinkt oder mal ein Grillerchen macht.

Bellot: Die Ungewissheit, wann wieder Normalität einzieht, stört ungemein. Man sieht sich zwar beim Training, aber es fehlt das Zusammensitzen, das lockere Gequatsche, wie es eben in jeder Kabine stattfindet. Als Mannschaft wissen wir nicht, wo wir stehen, weil wir den sehr guten Start nicht bestätigen konnten. Für den Nachwuchs freut es mich riesig, dass er wieder kicken darf und die Plätze nicht mehr menschenleer sind.

Kein Wunschgegner im Sachsenpokal

Im Pokal wird weitergespielt und am kommenden Montag neu ausgelost. Richtig oder falsch?

Schmidt: Das war pragmatisch und für mich die richtige Entscheidung. Das hält die Spannung oben, und es könnte finanziell eine gute Sache für den Verein werden, wenn wir eine Runde weiterkommen oder den Pott gar gewinnen könnten.

Boltze: In der jetzigen Situation sicher die pragmatischste Lösung, anders ist es einfach nicht möglich. Wir freuen uns darauf, und wollen im besten Fall noch drei Spiele haben und im besten Fall das Ding dann hochhalten.

Bellot: Ich bin mega-froh, dass wir spielen dürfen, kann aber auch verstehen, wenn einige Vereine das anders sehen.

Obligatorisch die Frage nach Wunschgegner und Zielstellung im Pokal?

Schmidt: Der Gegner ist mir egal, ein Heimspiel wäre mir wichtig. Wenn Derby, dann im Finale. Auf jeden Fall will ich den Pokal nochmal in den Händen halten – wir wissen ja, wie das geht…

Boltze: Der Gegner ist mir völlig schnuppe, wenn man den Pokal gewinnen will, muss man eh jeden schlagen. Ich bin gespannt, wie wir nach der langen Pause in das erste Spiel starten, so von Null auf Hundert. Aber das Ziel ist schon, den Pott zu holen, keine Frage.

Bellot: Der Gegner ist mir egal, wir müssen uns vor Keinem verstecken. Warten wir, was der Montag bringt, dann können wir uns gezielt vorbereiten.

Verbleib im Verein möglich

Egal, wie die Saison ausgeht – so will sich ganz bestimmt niemand in den Fußball-Ruhestand verabschieden. Wie sind die Pläne diesbezüglich?

Schmidt: Also ich möchte schon noch ein Jahr spielen für Chemie, ganz klar.

Boltze: Es kribbelt noch, und so lange ich noch mithalten kann, möchte ich noch spielen und dann meine Karriere bei Chemie beenden. Deshalb habe ich meinen Vertrag gerade noch einmal verlängert.

Bellot: Erst mal will ich schon noch ein paar Jahre spielen, wenn das auf Gegenseitigkeit beruht.

Wenn man so lange mit Chemie verbunden ist – können Sie sich ein späteres Engagement in Leutzsch vorstellen?

Schmidt: Wenn sich etwas ergibt, bin ich gern dabei. Aber nicht auf Krampf, alles zu seiner Zeit.

Boltze: Ich würde dem Verein gern erhalten bleiben und mit meinen Erfahrungen gern etwas zurückgeben.

Bellot: Ich würde mich definitiv gern einbringen beim Verein, denn wenn man sieht, wie euphorisch sich viele Menschen hier in Leutzsch im Ehrenamt engagieren, dann lässt Einen das nicht kalt. Auch wenn ich sehe, wie sich Chemie gerade infrastrukturell entwickelt – da will man einfach dabei sein.