30. Juli 2021 / 18:44 Uhr

Emotionaler Zverev erklärt nach Coup gegen Djokovic: Deshalb ist mir Olympia wichtiger als Wimbledon

Emotionaler Zverev erklärt nach Coup gegen Djokovic: Deshalb ist mir Olympia wichtiger als Wimbledon

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Alexander Zverev erklärt, warum ihm das Olympische Tennis-Turnier so wichtig ist.
Alexander Zverev erklärt, warum ihm das Olympische Tennis-Turnier so wichtig ist. © IMAGO/Xinhua (2)/Montage
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Jetzt geht’s um Gold: Tennisstar Alexander Zverev entzaubert den Weltranglistenersten Novak Djokovic im Halbfinale und zerstört dessen Traum vom historischen Golden Slam. Nach dem Match zeigt er sich emotional und sieht Olympia wichtiger als das wichtigste Grand-Slam-Turnier an.

Auf dem Weg in die Interviewzone vor dem Tennisstadion im Ariake Tennis Park wischte sich Alexander Zverev die letzten Tränen aus dem Gesicht. Da, wo Journalisten hinter Metallgittern Sportlern Emotionen abringen, wurden seine Augen wieder feucht, als er sein Innenleben nach der Sensation von Tokio beschreiben sollte. Der 24-jährige Hamburger hatte im olympischen Halbfinale die fast unbezwingbare Nummer eins der Tenniswelt, den Serben Novak Djokovic, mit 1:6, 6:3, 6:1 entzaubert und dessen Traum vom Golden Slam zerstört. Ein Sieg gegen den „Djoker“ war Zverev zuletzt vor drei Jahren beim WM-Finale in London gelungen. Die Dimension für ihn war dieses Mal jedoch eine andere, eine ganz besondere.

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„Ich habe jetzt eine Medaille für Deutschland geholt, und das bei Olympia. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Du spielst hier nicht nur für dich selber und deine Familie, du spielst für alle, die Athleten im Dorf, die Menschen, die zu Hause zuschauen, generell für das Land. Das waren in dem Moment sehr viele Emotionen für mich.“ Die musste er nach den packenden 2:03 Stunden erst einmal verkraften, vergrub sein Gesicht minutenlang weinend im Handtuch. „Ich hoffe, das hat niemand gesehen“, erzählte er später lachend den nicht mal zehn anwesenden deutschen Journalisten.

Olympia-Finale gegen Karen Chatschanow wird "kein einfaches Match"

Damit hat Zverev die erste Einzelmedaille seit dem Silber von Tommy Haas vor 21 Jahren sicher – und greift am Sonntag im Endspiel gegen den russischen Überraschungsfinalisten Karen Chatschanow nach Gold. Doch Zverev will mehr. „Am Ende des Tages ist meine größte Motivation, die Medaille zu holen – und hoffentlich Gold“, hatte er noch am Vortag gesagt. „Karen ist im Finale, weil er in dieser Woche unglaubliches Tennis spielt. Er ist in einer Wahnsinnsform“, sagte Zverev über seinen nächsten Gegner. „Es wird kein einfaches Match sein, egal, wer wo in der Rangliste steht.“

Nach dem ersten Satz, in dem Zverev nicht schlecht spielte, sah es indes nicht danach aus. Djokovic spulte seinen Matchplan mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks ab. So, wie er es immer tut. Das nervte den Hamburger so sehr, dass er im zweiten Satz erst den Schläger warf und nach dem Break des Serben zum 2:3 einen Ball aus dem Stadion ballerte. Ein Wutanfall als Brustlöser. Denn anschließend schaffte er mit einer Serie von 12:1 Punkten den Satzausgleich und ließ den serbischen „Mr. Cool“ auch im dritten nicht mehr von der Angel. Weltklassetennis. „Sascha hat danach losgelassen. Er hat noch mehr riskiert, sich überwunden. Damit hat Novak nicht gerechnet und auch den Druck verspürt“, erklärte Trainer Michael Kohlmann. Zverev war klar, dass er etwas ändern musste. „Deshalb bin ich auf die Bälle mehr drauf, habe mit mehr Gefühl gespielt, mehr geschwungen.“ Für Kohlmann war der Schlüsselmoment die 2:0-Führung im dritten Satz. „Danach hatte Novak Stress.“

Zverev verdirbt Djokovic den Golden Slam

Ganz nebenbei verdarb Zverev dem Serben den Golden Slam. Stefanie Graf bleibt mit dieser Leistung im Profitennis also weiterhin allein. 1988 hatte sie alle vier Grand-Slam-Turniere und Olympiagold gewonnen. Djokovic war in diesem Jahr nach den Siegen bei den Australian Open, den French Open und in Wimbledon auf einem guten Weg. Doch dann kam Zverev. „Sorry“, entschuldigte der sich, „aber ich wollte nun mal ins Finale.“

Für Zverev ist Olympia mittlerweile das größte Sportereignis der Welt, „und die Tennisspieler, die noch nie bei Olympia waren und sagen, Olympia ist nicht wichtig, die müssen einmal zu Olympia fahren und dann werden sie es anders sehen“. Ein Seitenhieb gegen die Profis, die Tokio und den Spielen ferngeblieben sind. Zverev war zuvor auch einer, für den ein Grand Slam einen höheren Stellenwert hat. Er korrigierte sich: „Du spielst nicht für dich selbst, deshalb ist es so besonders. Es ist ein unglaubliches Gefühl.“ So unglaublich, dass für den Tennismillionär ein Olympiasieg alles ist: „Er bedeutet mir momentan mehr als einer in Wimbledon.“