29. Mai 2017 / 05:45 Uhr

Gladbach-Star Ibrahima Traoré: "Ich verschiebe den Ramadan. Das ist erlaubt"

Gladbach-Star Ibrahima Traoré: "Ich verschiebe den Ramadan. Das ist erlaubt"

Robert Hiersemann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Ibrahima Traore absolvierte bisher 138 Spiele in der Bundesliga und schoss zwölf Tore.
Ibrahima Traore absolvierte bisher 138 Spiele in der Bundesliga und schoss zwölf Tore. © imago
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Am Sonnabend startete der muslimische Fastenmonat. Gladbachs Ibrahima Traoré erklärt, was das für einen Profi bedeutet.

SPORTBUZZER: Herr Traoré, seit dem 27. Mai läuft für Sie und alle anderen Muslime der Fastenmonat Ramadan. Heißt: Es darf bei Tageslicht nicht gegessen und getrunken werden. Wie gehen Sie mit dieser kör*perlichen Belastung als Fußballprofi um?*
 Ibrahima Traore: Ich verschiebe den Ramadan. Das ist Profisportlern erlaubt.

Und das geht so einfach?
Hätten wir das Pokalfinale mit Borussia erreicht, wäre es fatal gewesen, an diesem Tag mit dem Fasten zu beginnen. Nun geht es für mich nach Guinea zur Nationalmannschaft. Die Qualifikationsspiele für den Afrika Cup sind mir wichtig – und sie fallen in die Ramadan-Zeit.

Wann ist es erlaubt, den Ramadan zu verschieben?

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Wenn die Arbeitsbedingungen eines Moslems extrem sind – und dazu zählt auch der Profifußball. Aber ich hole den Ramadan nach.

Wann holen Sie ihn nach?

Nach den Spielen mit Guinea. Wenn wir bei Borussia freihaben in der Sommerpause und die anderen Kollegen im Urlaub sind, werde ich in meine Heimatstadt Paris fliegen und meinen persönlichen Ramadan haben. Dafür verzichte ich auf Urlaub.


​"Salif Sané von Hannover 96 hat den Fastenmonat trotz zwei Einheiten täglich durchgezogen. Bei Sommerhitze."


Kennen Sie auch Profis, die den Ramadan während des Spielbetriebs durchziehen?

Salif Sané ist ein Freund von mir. Er spielt für Hannover 96. Er hatte in der vergangenen Sommervorbereitung den Fastenmonat trotz zwei Einheiten täglich durchgezogen. Nichts essen, nichts trinken. Vier Stunden Leistungssport bei Sommerhitze. Eine wahnsinnig starke Leistung von ihm. Aber auch ein bisschen verrückt (lacht).

Wer ist besser? Hannover Salif Sané.
Hannovers Salif Sané zog den Fastenmonat in der Saisonvorbereitung durch. © dpa

Sie sprachen Ihre Heimat selbst an. Sie kommen aus Villepinte, einem Pariser Banlieue. Ist es in französischen Banlieues wirklich so schlimm, wie man es in den Nachrichten vermittelt bekommt?

Pariser Banlieues sind krasser als deutsche Problemgegenden. Aber ich mag es nicht, über das zu meckern, was schlecht ist. Ich könnte jetzt Getto-Sprache auspacken, wie es so viele machen, und sagen: Bei uns in Villepinte hattest du nur zwei Möglichkeiten. Du wirst Fußballer oder Drogendealer. Aber das ist einfach nicht die Wahrheit.

Was ist die Wahrheit?

Es gibt immer einen Weg, etwas Gutes aus seinem Leben zu machen. Ich hatte Kumpels, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Aber ich habe auch Freunde aus Villepinte, die studiert haben. Ich selbst hatte in Frankreich angefangen, Literatur zu studieren. Es gibt nicht nur die zwei Wege. Das ist ein Image.

​"Es geht für alle Muslime darum zu zeigen, dass all das, was Schreckliches in der Welt im Namen des Islam passiert, nicht wir sind."​


Der 29-jährige Gladbacher spielte in der Bundesliga für Hertha BSC, Augsburg und Stuttgart.
Der 29-jährige Gladbacher spielte in der Bundesliga für Hertha BSC, Augsburg und Stuttgart. © imago

Die Welt verändert sich aktuell rasant. Spüren Sie, dass Sie in Deutschland als Moslem anders wahrgenommen werden als vor zehn Jahren?

Für mich als Fußballer hat sich nicht so viel verändert. Aber ich glaube, für muslimische Menschen mit ganz normalen Jobs ist es schwieriger geworden. Doch man darf nicht immer meckern. Es geht für alle Muslime darum zu zeigen, dass all das, was Schreckliches in der Welt im Namen des Islam passiert, nicht wir sind.

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Die Dortmunder Profis wurden Sonnabend umjubelter DFB-Pokalsieger. Vor wenigen Wochen noch wurden sie Opfer eines Bombenanschlags. Wie haben Sie die Attacke damals erlebt?

Es ist unerklärlich, was da passiert ist. Wir Profis sind bekannt dafür, dass wir gut Fußball spielen und extrem gut verdienen. Aber die Leute müssen verstehen, dass wir, wenn wir aus dem Stadion rauskommen oder den Trainingsplatz verlassen, auch nur normale Menschen sind. Wir haben Emotionen, Hobbys, Familie. Doch einige Leute machen keinen Halt davor, alles aus dem Leben eines Fußballers zu beleuchten.

Was meinen Sie damit genau?

Man wird kritisiert dafür, wenn man als Profi eine Woche vor einem Bundesliga-Spiel in die Disco geht. Aber wenn die BVB-Profis einen Tag nach dem Anschlag auf ihr Leben wieder Fußball spielen müssen, ist das in Ordnung? Das verstehe ich nicht. An dem einen Tag kannst du sterben, an dem anderen sollst du ein sehr wichtiges Spiel machen. Da verstehe ich die Welt nicht mehr.