21. Februar 2022 / 13:25 Uhr

Beim 3:0 auf St. Pauli: Gesperrter 96-Profi Ondoua feiert Sieg im Fanblock

Beim 3:0 auf St. Pauli: Gesperrter 96-Profi Ondoua feiert Sieg im Fanblock

Dirk Tietenberg
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Als 96-Fan: Gaël Ondoua auf der Pressetribüne mit 96-Medienmitarbeiterin Samira Barlemann.
Als 96-Fan: Gaël Ondoua auf der Pressetribüne mit 96-Medienmitarbeiterin Samira Barlemann. © Gaël Ondoua / Twitter
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Gaël Ondoua unterstützte seine Mannschaft beim 3:0 gegen den FC St. Pauli - als Fan im Block. Reporter Dirk Tietenberg saß in der ersten Hälfte neben dem gesperrten Mittelfeldspieler. Der Bericht über eine emotionale Achterbahnfahrt.

Denn kenn' ich doch? Mit großen Augen setzte sich ein sportlich gekleideter Herr um 13.25 Uhr auf die Pressetribüne. Jogginghose in beige, rote Sneaker, rot-schwarze Ballon-Jacke und weißer Hoodie. Dazu die Maske. Aber klar: Es ist Gaël Ondoua. „Hey Gael, heute mal live zugucken statt live spielen?“ Sollte witzig sein.

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So in der Art begrüßte ich den Mittelfeldspieler von Hannover 96. Ondoua wirkte nervös. Erst in der Pause erklärte er, es sei fast unerträglich, nur zu sitzen, zu schauen und nichts tun zu können, während seine Kollegen sich ohne ihn gegen die Offensivwellen von St. Pauli wehrten. „Ooohhh!“ machte er, und „Come on“, als mal wieder der Spieler der Hamburger für Gefahr sorgte: Daniel Kyereh. Kyereh wär Ondouas direkter Gegenspieler gewesen.

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So verfolgte Ondoua, wie 96 versuchte, Kyereh mit Dominik Kaiser und Sebastian Stolze, manchmal auch mit Mark Diemers oder den herausstoßenden Marcel Franke zu stoppen. Irgendwann gelang es, nach einer halben Stunde drehte sich die Spielrichtung. Ondoua saß die meiste Zeit stumm auf seinem Platz. Ob er sich auf die Lippe biss? Ließ sich hinter der Maske nicht erkennen. Auf den Medienplätzen herrscht ständige Maskenpflicht wie im Rest des Stadions auch.

Durchaus angemessen und offensichtlich gebrieft von der 96-Medienabteilung, wie Ondoua da geduldig saß. Der Pressebereich ist traditionell ein Ort der bemühten Neutralität, Emotionen gehören nicht hier her. Ein kleiner Ausbruch kann mal passieren, aber gerade auswärts sollten sich Reporter und Medienleute aller Art nicht anmerken lassen, ob sie es mit einer Seite mehr halten als mit der anderen. Dauer-Reporter wissen natürlich, wie sehr es nervt, wenn Kollegen auf den Presseplätzen anfangen zu pöbeln. Aber das lässt sich wohl sagen: je weiter Richtung Norden es geht, desto gepflegter sind die Sitten.

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Schlimm für Ondoua, nur zugucken zu dürfen

Dann kam Sebastian Kerk zum Kopfball, einen Meter vor dem gegnerischen Tor – und vergab. Ondoua stand auf: „Nooooooo!“ Aber Ondoua klatschte leise. Kurz darauf klatschte er lauter. Kaiser hatte getroffen: „Yes!“ Alles sehr gedämpft. Dann rannte Teuchert allein aufs St.-Pauli-Tor zu: Ondoua nahm eine Haltung ein, als wolle er das Tor im Sitzen mit einem Controller erzielen. Vergeblich! „Nooooo!“ Selbst ich, der sonst still in sich hinein und leise vor sich hin fluchende Reporter, verlor kurz die Kontrolle über die rechte Hand und schlug auf den Klapp-Schreibtisch zwischen Ondoua und mir.

Das tat dann weh. Denn im Stadion am Millerntor neigen sich die Schreibtische leicht abschüssig. Um die Laptops vorm Abrutschen (ist früher bestimmt so passiert) zu schützen, sind ein Zentimeter hohe Keile horizontal vor der Absturzkante im Tisch eingefasst. Es schmerzt, wenn die Hand ungebremst draufschlägt. Nur nichts anmerken lassen. „Ist es sehr schlimm, nur zuzuschauen und nicht mitspielen zu dürfen?“ „Oh ja“, sagte Ondoua und nickte heftig. Seine wachen und fast verzweifelten Augen zeigen den Zwiespalt zwischen Begeisterung für die Kollegen und die Hilflosigkeit, nichts tun zu können. Nur zu sitzen und leise zu klatschen. Er suchte sich einen anderen Platz, wo er zumindest das Gefühl hatte, mehr helfen zu können.

Für mehr Konversation war keine Zeit: Toilette, Hand kühlen, Kaffee holen und schon mal den Text anschreiben – wie Reporter das oft in Halbzeiten tun. In dem Rohtext zur Pause stehen dann Dinge und angefangene Formulierungen drin wie: „Ondoua im Stadion, sitzt, Kyereh gefährlich, Schiedsrichter Dankert aus Rostock, Dreierkette, Gute Besserung Sebi, mehr Zweikämpfe gewonnen, intensiv, Kerk rettet St. Pauli, ausgerechnet Kaiser...“ 

Ondoua ist zum ersten Mal am Millerntor gewesen. Und er nutzte beide Hälften, um das halbe Stadion auszukundschaften. Er erspähte den Fanblock und stand nun mitten drin bei den 650 Gästefans. Er jubelte, schrie, filmte sich und das Resultat auf der Anzeigetafel – 0:3. Gesang und Tänze. Nach dem Abpfiff rannte er an die Bande neben der Eckfahne, wo die Spieler vor der Kurve feierten. Julian Börner schlich sich von hinten an. Der Power-Börner, der in Düsseldorf mal gesperrt und mitgefahren war, um die Mannschaft zu unterstützen. Börner erschreckte Ondoua, dann lagen sie sich in den Armen. Maxi Beier kam dazu, Linton Maina, alle Generationen, alle Positionen, alle drückten feste den 96-Fan Ondoua, der aufgeregt an der Seitenlinie mitfeierte.

Über Twitter fasste Ondoua nachher seine Eindrücke zusammen. Sie bilden nur ansatzweise die emotionale Achterbahnfahrt ab, die der Profi an der Reeperbahn durchlebte. Am Freitag hofft Hannover 96 nun auf das nächste Spektakel. Mit den Reportern auf der Pressetribüne und Ondoua dort, wo er eigentlich hingehört. Sollte er noch einmal gesperrt sein – wir halten diesem beherrschten Profi stets einen Platz frei.

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