22. März 2022 / 19:32 Uhr

96-Rückkehrer Sebastian Ernst im Interview: „Wie bereit bist du, alles zu geben?“

96-Rückkehrer Sebastian Ernst im Interview: „Wie bereit bist du, alles zu geben?“

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Gut gelaunt, trotz Krücken: Sebastian Ernst nimmt auf der 96-Bank Platz. Wegen eines Risses der Achillessehne wird er aber noch monatelang fehlen.
Gut gelaunt, trotz Krücken: Sebastian Ernst nimmt auf der 96-Bank Platz. Wegen eines Risses der Achillessehne wird er aber noch monatelang fehlen. © Florian Petrow
Anzeige

Sebastian Ernst kann 96 nicht im Kampf um den Klassenerhalt helfen, er wird nach einem Achillessehnenriss noch einige Monate fehlen. Im Interview spricht der Rückkehrer über seine eigene, aber natürlich auch die sportlich prekäre Situation der Roten. 

Sebastian Ernst, Sie kommen aus Neustadt, 96 ist Ihr Heimatklub. Mit Fürth hätten Sie allerdings 1. Liga spielen können, mit Hannover ist es jetzt Zweitligaabstiegskampf. Haben Sie den Wechsel schon mal bereut?

Anzeige

Überhaupt gar nicht. Das war eine bewusste Entscheidung von mir. Ich bin in meinem Umfeld, und 96 ist auch ein geiler Verein. Die paar Spiele, die ich nicht von Anfang an gespielt habe – da bin ich nicht im Boden versunken. Und meine Verletzung kann keiner voraussehen.

Mehr über Hannover 96

Wie geht’s Ihnen nach dem Achillessehnenriss?

Anzeige

Ganz gut. Es war ein Schock, aber den habe ich schnell weggeschoben und versucht, nicht mehr dran zu denken. Jetzt bin ich viermal die Woche beim Rehatraining für zwei, drei Stunden und kann eigentlich auch schon relativ viel machen. Auch das Bein ein bisschen belasten, Oberkörper, Stabilität, Ergometer. Ein bisschen Kardio geht, damit der Kreislauf in Gang kommt.

Es ist vorm Darmstadt-Spiel passiert, es sollte Ihre Startelfrückkehr sein. Haben Sie sofort gemerkt, das dauert jetzt lange?

Es war kein ganz lauter Peitschenknall, aber ich habe es schon gehört. Ein kurzer Schmerz, und dann ist dein Fuß nicht mehr dein Fuß. Du verlierst das Gefühl deiner Hacke sofort, dir fehlt die komplette Verbindung hinten. Das fühlt sich an, als hättest du zehn Kilo hintendran. Du kannst nicht mehr auf die Zehenspitzen gehen, hängst einfach nur mit dem ganzen Fuß am Boden. Aber ich hatte im ganzen Verlauf keine Schmerzen. Ich musste vor oder nach der OP keine einzige Schmerztablette nehmen.

Das ist Sebastian Ernst: Eine Karriere in Bildern.

Schon als A-Jugendlicher spielte Ernst hin und wieder in der zweiten Mannschaft von Hannover 96. In seinem ersten Herrenjahr schlug er gleich richtig ein. Er absolvierte 30 Spiele und erzielte zehn Tore in der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Hier freut er sich über einen Treffer gegen den SV Wilhelmshaven. Zur Galerie
Schon als A-Jugendlicher spielte Ernst hin und wieder in der zweiten Mannschaft von Hannover 96. In seinem ersten Herrenjahr schlug er gleich richtig ein. Er absolvierte 30 Spiele und erzielte zehn Tore in der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Hier freut er sich über einen Treffer gegen den SV Wilhelmshaven. © imago

Wie sieht der Reha-Zeitplan jetzt aus?

Da gibt’s keine festen Überlegungen. Wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt und wie mein Körper reagiert. Ein halbes Jahr wird’s dauern, plus minus. Aber ich kann nicht sagen: Okay, im August stehe ich wieder auf dem Platz. Ich habe mir stattdessen kleine Ziele gesetzt. Die Krücken werde ich nächste Woche los, da freue ich mich drauf. Den Spezialschuh behalte ich noch zwei Wochen länger. Aber wenn alles läuft, kann ich danach normal gehen. Bis ich gegen einen Ball treten kann, wird es aber noch lange dauern.

Fällt es etwas leichter, die Verletzung in der Heimat auszukurieren – mit Familie und Freunden in der Nähe?


Das ist was dran. So fühlen sich die Tage kürzer an, die Zeit geht schneller rum. Ich habe meine Leute um mich, komme auf andere Gedanken zwischendurch.

Wie bitter ist es, 96 in der schweren Lage zur Zeit nicht helfen zu können?

Wenn man nicht einwirken kann, das ist schon Mist. Ich bin auch nervös vorm Spiel. Das ist schlimmer, als wenn man auf dem Platz steht. (lacht) Das macht mit dir was, ob man gewinnt oder verliert. Das tut mir auch weh, wenn man nicht spielt.

Mehr über Hannover 96

Wie nah sind Sie dran am Team? Es gibt ja Spieler, die wollen auch verletzt bei jeder Besprechung dabei sein, andere ziehen sich lieber etwas zurück.

Mein Training ist vorm Training der anderen, deshalb sieht man sich nur kurz mal. So einen Riesendraht habe ich gerade also nicht. Aber ich suche trotzdem auch mal Gespräche. Wenn man sich sieht, quatscht man oder man schreibt mal, wenn mir was auffällt oder auf dem Herzen liegt bei einem Spieler. Das ist ganz normal.

Woran liegt es, dass es bei 96 nicht läuft?

Ich finde es schwer, das von außen einzuschätzen. Ganz so viel bekomme ich da auch nicht mit. Aber wenn hier und da mal ein Prozent fehlt und du nicht ganz so gedankenschnell bist, dann verlierst du Spiele. Dafür ist die 2. Liga zu eng. Es ist eine Frage, wie die Einstellung eines Spielers auf dem Feld ist: Wie bereit bist du, alles zu geben? Das macht die letzten Prozent aus. Gegen Schalke war es besser, da hat uns das Quäntchen Glück gefehlt. Aber man hat gesehen, dass die Mannschaft will. Das ist immer die Grundvoraussetzung – auch für das nächste Heimspiel.

Der Spielplan von Hannover 96 in der Saison 2021/22 in der 2. Bundesliga

Der Spielplan von Hannover 96 in der Zweitliga-Saison 2021/22 in der Galerie - vom 1. bis zum 34. Spieltag. Zur Galerie
Der Spielplan von Hannover 96 in der Zweitliga-Saison 2021/22 in der Galerie - vom 1. bis zum 34. Spieltag. ©

Profiboss Martin Kind fand die positive Sicht aufs Schalke-Spiel nicht angebracht, das sei „fehlender Realismus“. Wie kommen solche Aussagen bei der Mannschaft an?

Natürlich ist es wichtig, die Lage realistisch einzuschätzen. Wir haben einen Plan, arbeiten jeden Tag daran, die Jungs geben alles im Training. Jeder weiß, wie die Lage ist. Das merkst du in der Kabine: Es wird kritisch miteinander geredet, das ist kein Heitatei. Da ist schon diese gewisse Spannung, aber dabei muss man trotzdem den Kopf oben behalten.

Wo geht die Reise von 96 noch hin in dieser Saison?

Es sind jetzt drei Punkte nach unten, das Heimspiel gegen Regensburg wollen wir unbedingt gewinnen. Ich habe aber ein positives Gefühl und glaube fest daran, dass wir nicht weiter unten reinrutschen. Wir sind echt eine gute Mannschaft. Ich glaube, dass gegen Regensburg was geht.