18. März 2019 / 10:47 Uhr

Holstein Kiel: "Ein wunderschönes Gefühl, so zurückzukommen", Aaron Seydel

Holstein Kiel: "Ein wunderschönes Gefühl, so zurückzukommen", Aaron Seydel

Marco Nehmer
Kieler Nachrichten
Doppelspitze, doppelt spitze: Masaya Okugawa (li.) und Mathias Honsak (2. v.r.) drehten gegen Aue in Abwesenheit von Janni Serra als Zweiersturm auf.
Doppelspitze, doppelt spitze: Masaya Okugawa (li.) und Mathias Honsak (2. v.r.) drehten gegen Aue in Abwesenheit von Janni Serra als Zweiersturm auf. © Uwe Paesler
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Zweite Liga: Holstein Kiel holt sich den höchsten Saisonsieg - Torwart Dominik Riemann agiert abgeklärt bei Zweitliga-Debüt

Es gibt da diesen Effekt mit dem Ketchup und der Flasche. Erst schüttelt man eine ganze Weile vergebens – und dann kommt alles auf einmal heraus. Fußball-Zweitligist Holstein Kiel erlebte am Freitagabend seinen sportlichen Ketchup-Moment: Nach Wochen schwacher Chancenverwertung, mangelnder Konsequenz und schlechter Entscheidungsfindung klappte gegen Erzgebirge Aue plötzlich alles. 5:1. Eine Befreiung.

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Fünf gewinnt

Der höchste Saisonsieg. „Wir hätten die Tore, die wir heute geschossen haben, etwas besser auf die vergangenen Wochen aufteilen sollen“, sagte KSV-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth in den Katakomben des vom steifen Westwind ordentlich durchgepusteten Holstein-Stadions. Eine Aussage mit dem Lächeln eines Siegers. Aber auch eine, in der ein wenig Bedauern steckt: Die Störche könnten ganz woanders stehen, würden sie immer so effektiv vor dem Tor agieren – zumal die Konkurrenz reihenweise patzte. Sieben Schüsse gab Holstein aufs Tor der Gäste ab – fünf waren drin.

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Und jeder Treffer hatte seine eigene Geschichte zu erzählen. Das 1:0 nach sechs Minuten erzielte Mathias Honsak per Kopf. Der Österreicher bestätigte seine aufsteigende Form. Seine Explosivität belebte das Offensivspiel der Kieler ganz wesentlich. „Wenn es kalt ist, muss man sich mehr bewegen“, sagte Honsak mit einem Augenzwinkern. Dass er sich erneut von Beginn an übers Feld bewegen durfte, war indes nicht nur seiner guten Leistung in Darmstadt geschuldet. Trainer Tim Walter hatte schlicht keine Wahl.

Jonas Meffert und Dominik Schmidt – der in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zudem Vater eines Sohnes wurde – fehlten gesperrt. Und zu den Langzeitverletzten David Kinsombi und Kingsley Schindler gesellten sich mit Kenneth Kronholm (Hüfte) und Janni Serra (Infekt) zwei weitere kurzfristige Ausfälle. Walter war dazu verdammt, eine vermeintliche Rumpf-Elf aufs Feld zu schicken. Aber jeder seiner Wechsel fruchtete.

Benotung Holstein Kiel gegen Erzgebirge Aue

Dominik Reimann. Note 2,5. Kam zu seinem Pflichtspieldebüt. Hinterließ einen guten Eindruck. Beim Gegentor machtlos. Zur Galerie
Dominik Reimann. Note 2,5. Kam zu seinem Pflichtspieldebüt. Hinterließ einen guten Eindruck. Beim Gegentor machtlos. ©

Dominik Reimann abgeklärt

Ersatz-Torwart Dominik Reimann agierte bei seinem Zweitliga-Debüt abgeklärt (Walter: „Ich habe mir gewünscht, dass er so spielt. Aber ich konnte es auch nicht wissen.“), Stefan Thesker spielte an der Seite von Hauke Wahl souverän – und Meffert-Vertreter Lászlo Bénes zeigte eine Leistung, die schlicht überragend war. Torschütze zum 2:0 und 3:1, dazu die Vorlagen zum 1:0 und dem 5:1-Endstand – der Slowake zeigte, weshalb Wohlgemuth bei seiner Winter-Verpflichtung auf Leihbasis von Borussia Mönchengladbach von einem „Kracher“ sprach.

„Er hat heute etwas höher gespielt“, sagte Tim Walter und erklärte seine Maßnahme: „Er muss sich nicht hinten die Bälle abholen. Da ist er nicht effektiv genug. Er muss weiter nach vorne. Das hat er heute herausragend gemacht.“ Bénes war der Kopf einer Elf, die mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren die jüngste seit ewigen Zeiten war. Und die es streckenweise überragend machte – gegen einen, auch das ist Teil der Wahrheit, an diesem Tag schwachen Gegner. „Wir hatten Probleme, in die Zweikämpfe zu kommen“, sagte Aues Trainer Daniel Meyer. Seine Analyse deckt sich mit den Zahlen: Die Veilchen gewannen nur 44 Prozent ihrer Duelle.


"Janni ist sehr wichtig"

Das 1:3 sei dann der Genickbruch gewesen. „Kiel hat dann die Spielfreude und die Qualität, nicht aufzuhören.“ Den vierten Treffer des Abends erzielte der wiedergenesene Masaya Okugawa nach Honsak-Vorlage. Die japanisch-österreichische Doppelspitze harmonierte, ließ phasenweise vergessen, dass die KSV durch den Serra-Ausfall ohne echten Stürmer agierte. „Janni ist sehr wichtig“, beschwichtigte Honsak aber hinterher. Man hält zusammen, freut sich füreinander – das zeigte sich insbesondere bei der finalen Pointe des Spiels.

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Kenneth Kronholm prägte das Torwartspiel bei den Störchen schon seit 2014. Seine Leistungen sprachen für sich. Der Deutsch-Amerikaner löste seinen Vertrag Anfang Mai auf, um beim MLS-Club Chicago Fire anzuheuern. Zur Galerie
Kenneth Kronholm prägte das Torwartspiel bei den Störchen schon seit 2014. Seine Leistungen sprachen für sich. Der Deutsch-Amerikaner löste seinen Vertrag Anfang Mai auf, um beim MLS-Club Chicago Fire anzuheuern. ©

Aaron Seydel, nach einem halben Jahr Verletzungspause in der Schlussphase eingewechselt, drückte Sekunden nach Betreten des Platzes eine Bénes-Ecke mit dem Rücken über die Linie. Alle feierten mit dem Rückkehrer. „Das ist ein wunderschönes Gefühl, so zurückzukommen“, sagte Seydel. „Dass ich genau da hinlaufe – dazu gehört auch Glück. Das erarbeitet man sich aber.“ Das trifft nicht nur auf ihn, sondern auf die gesamte Mannschaft zu: Das Spielglück ist zurück. Jetzt ist Länderspielpause. Dann geht’s nach Köln. Und vielleicht ist ja noch etwas Ketchup in der Flasche übrig.