15. Mai 2018 / 06:00 Uhr

Jochen Breyer: Darum muss Manuel Neuer mit zur WM

Jochen Breyer: Darum muss Manuel Neuer mit zur WM

Jochen Breyer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Manuel Neuer ist wichtig für die Mannschaft: Das meint unser Kolumnist Jochen Breyer.
Manuel Neuer ist wichtig für die Mannschaft: Das meint unser Kolumnist Jochen Breyer. © imago/Jan Huebner
Anzeige

Die aktuelle Viererkette: Unser Kolumnist erklärt, warum Manuel Neuer heute bei der Bekanntgabe des WM-Kaders zum Team gehören wird und warum der Bayern-Keeper auch zur WM fahren soll.

Wenn Joachim Löw heute seinen vorläufigen WM-Kader bekannt gibt, werden viele Fragen beantwortet - die wichtigste wohl nicht: Ob Manuel Neuer mitfahren wird nach Russland oder nicht. Aller Voraussicht nach nimmt der Bundestrainer vier Torhüter mit ins Trainingslager: ter Stegen, Leno, Trapp und Neuer. Bis zum 4. Juni hat er dann Zeit, sich auf drei festzulegen. Es wird keine leichte Entscheidung – und es wird vor allem eine, die der Bundestrainer in andere Hände legen wird: in die der Ärzte. Und in die von Neuer selbst.

Anzeige

Im Moment spricht ehrlicherweise gar nichts dafür, dass Neuer bei der WM als Nummer 1 im Tor stehen wird. Er hat seit September kein Spiel mehr bestritten, selbst die Partie gegen Stuttgart kam noch zu früh. Viereinhalb Wochen vor dem WM-Auftakt der Nationalelf gegen Mexiko hat er also noch nicht eine Minute Wettkampfpraxis gesammelt. Deshalb findet Oliver Kahn, es sei ein Punkt erreicht, „an dem sich Manuel fragen muss, ob er sich in dieser Situation noch einen Gefallen tut.“

Bei jedem andere Torhüter hätte man längst gesagt: Die Zeit ist zu knapp, das war’s. Aber: Neuer ist eben nicht wie jeder andere Torhüter. Und deshalb möchte ich meinem lieben ZDF-Freund Olli ausnahmsweise mal widersprechen. Ich finde: bei Neuer lohnt es sich, selbst auf das kleinste Fünkchen Hoffnung zu setzen. Aus zwei Gründen: Erstens, weil Neuer bei einem Turnier den Unterschied machen kann, wie wir in Brasilien gesehen haben. Da war er nicht nur der weltbeste Schlussmann, sondern auch der weltbeste Libero (gegen Algerien im Achtelfinale) und hat die Stürmer mit seinen Reflexen wahlweise zur Verzweiflung (wie Benzema im Viertelfinale) oder zum Zittern gebracht (wie Higuaín im Finale, als er frei vor Neuer stand).

Und zweitens – noch wichtiger: Er ist als Kapitän ein Anführer, ein Typ, an dem sich andere Spieler orientieren. Kurzum: Eine Persönlichkeit, die dem Team auch dann gut tun kann, wenn er nicht spielt. Ich bin mir relativ sicher, dass Jogi Löw genau das in Erwägung zieht: Neuer auch dann mitzunehmen, wenn er nicht auf ihn als Nummer 1 setzt. So könnte Neuer ohne Druck in Südtirol an sich arbeiten, in den Testspielen Anfang Juni eventuell eine oder zwei Halbzeiten spielen – und beim Turnier als Backup für ter Stegen und als Mentor für die ganze Mannschaft fungieren.

Vor der Kader-Nominierung: Diese 18 Spieler haben ihr WM-Ticket bereits sicher

<b>Manuel Neuer (32 Jahre, FC Bayern, 74 Länderspiele/0 Tore):</b> Normalerweise die unumstrittene Nummer eins. Allerdings hat sich sein Comeback nach Fußbruch immer weiter verzögert. Er hat nur noch die Chance, im Pokalfinale und den beiden Testspielen am 2. und 8. Juni Praxis zu sammeln. Dennoch wird Löw ihn wohl erstmal nominieren. Zur Galerie
Manuel Neuer (32 Jahre, FC Bayern, 74 Länderspiele/0 Tore): Normalerweise die unumstrittene Nummer eins. Allerdings hat sich sein Comeback nach Fußbruch immer weiter verzögert. Er hat nur noch die Chance, im Pokalfinale und den beiden Testspielen am 2. und 8. Juni Praxis zu sammeln. Dennoch wird Löw ihn wohl erstmal nominieren. ©

Viele fänden das wahrscheinlich unfair gegenüber jenem Torhüter, der dann für Neuer „weichen“ müsste (wahrscheinlich Kevin Trapp). Ich verstehe das Argument. Andererseits: Hätte sich Neuer nicht verletzt - wäre also alles „normal“ verlaufen - wäre Trapp ja auch nicht mitgefahren zur WM. Er „verliert“ also nichts, das ihm irgendwie zugestanden hätte.

Es gibt aus meiner Sicht nur ein Szenario, in dem Neuer nicht mit zur WM fährt: Wenn er von sich aus verzichtet. Etwa, weil es ihm zu riskant ist, er seine Karriere nicht riskieren möchte und in Absprache mit den Medizinern und Löw lieber zu Hause bleibt, um ohne Zeitdruck an sich zu arbeiten. Die Entscheidung liegt also in seiner Hand – beziehungsweise: in seinem Fuß.