15. Juli 2020 / 12:18 Uhr

Das sind die Erfahrungen: Wie Kreisfusionen untere Spielklassen retten können

Das sind die Erfahrungen: Wie Kreisfusionen untere Spielklassen retten können

Clemens Behr
Um den Spielbetrieb in den unteren Ligen zu retten, müssen zunehmend Kreisverbände fusionieren.
Um den Spielbetrieb in den unteren Ligen zu retten, müssen zunehmend Kreisverbände fusionieren. © Getty/Imago/Montage
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Um den Spielbetrieb angesichts der sinkenden Mannschaftszahlen aufrechtzuerhalten, fusionieren im Amateurfußball immer mehr Kreisverbände. In Sachsen-Anhalt haben sich in diesem Jahr gleich drei Verbände für einen Zusammenschluss entschieden. Andere Kreise haben diesen Prozess schon hinter sich. Vertreter aus Niedersachsen und Brandenburg berichten über ihre Erfahrungen. 

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Als der DFB im Juni seine Mitgliederzahlen vorstellte und dabei im neunten Jahr in Folge einen Zuwachs verkündete, sah das DFB-Präsident Fritz Keller als Zeichen dafür, welche "enorme Bedeutung der Fußball in unserer Gesellschaft hat“.

Doch die Alarmzeichen sah der Verband auch: Die Zahl der Vereine sinkt, ebenso wie die der gemeldeten Mannschaften. 145.084 Teams nahmen am Spielbetrieb teil (Stichtag 1. Januar 2020) - 4651 weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 2015 waren es noch 161.727 Mannschaften, 2010 sogar 177.039.

Um den Spielbetrieb insbesondere in den unteren Klassen aufrechtzuerhalten, wird vermehrt auf ein Mittel zurückgegriffen: die Fusion von Kreisverbänden – teils aus eigenem Antrieb der Kreise, teils angeordnet von den Landesverbänden. In Sachsen-Anhalt haben sich der KFV Anhalt, Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg Anfang des Jahres für einen Zusammenschluss entschieden. Aus drei mach eins.

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Kaum noch Nachwuchs im KFV Wittenberg

Die Verschmelzung hatten die Verantwortlichen im Februar beschlossen, "bevor Corona auf der Matte stand", wie es Joachim Golly, Präsident des KFV Wittenberg, ausdrückt. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde der Schritt als einzige Option angesehen, die sportliche Qualität im Kreisfußball aufrechtzuerhalten. Auch, weil der Nachwuchs ausbleibt: Aus dem KFV Wittenberg war vergangene Saison nur eine A-Jugend gemeldet.

Die Gründe für den Schwund an Fußballmannschaften im Jugend-, Frauen- und Herrenbereich sind vielfältig. Individualsport liegt im Trend. Weniger Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen. Kommunen sind knapp bei Kasse und sparen an den Sportanlagen. Der demografische Wandel lässt in ländlichen Regionen schlicht die Zahl an Nachwuchsspielern schrumpfen. Genau die Entwicklungen, wegen denen das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF gegründet wurde – um dem aktiv etwas entgegenzusetzen.

"Es geht uns bei der Fusion vor allem um die Erhaltung des Fußballs in den niedrigsten Ligen", sagt Golly. In den unteren Kreisklassen hätten die Verbände zuletzt kämpfen müssen, um noch Staffeln mit sieben und acht Teams zusammenzukriegen. "Dann hätten die Mannschaften nur ein Drittel des Jahres Fußball gespielt. Das wollten wir nicht", so der 64-Jährige. Durch die Fusion sei der Verband bei der Staffeleinteilung nicht mehr durch Kreisgrenzen beschränkt.

Das Amateurfußball-Bündnis #GABFAF berichtet regelmäßig über Probleme bei Amateurvereinen. Hier eine Auswahl an Klubs, die davon profitiert haben:

Der Traditionsverein Sparta Göttingen gewinnt die 2000 Euro aus der #GABFAF-Vereinskasse. Zur Galerie
Der Traditionsverein Sparta Göttingen gewinnt die 2000 Euro aus der #GABFAF-Vereinskasse. ©

Höhere Kosten, längere Wege, weniger Derbys?

Die Nachteile einer Fusion liegen auf der Hand: längere Fahrtwege, höhere Fahrt- und Schiedsrichterkosten. Von einigen Vereinen werden zudem weniger Zuschauer erwartet, weil Lokalderbys in den neuen Staffeln wegfallen könnten. Und so regte sich auch Widerstand, als die drei Kreise in Sachsen-Anhalt im Februar den geplanten Schritt in einer Pressemitteilung öffentlich machten.

Besonders vehement äußerte der ESV Bergwitz 05 aus dem KFV Wittenberg seinen Unmut über die Pläne. "Wenn aktiver Freizeitfußball mit einer Tagesreise verbunden ist, dann hat Fußball auf dem Land keine Zukunft mehr!", schrieb der Klub auf seiner Homepage. Zudem seien die Vereine in diese Entscheidung nicht ausreichend miteinbezogen worden.

So lief es in Göttingen

Bei den Fußballkreisen Göttingen und Osterode war bereits 2013 eine Fusion unvermeidlich. Der kleinere Kreis Osterode verzeichnete einen massiven Rückgang von Mannschaftsmeldungen. Es kam Druck von oben: Der DFB und Niedersächsische Fußballverband (NFV) forderten eine Mindestanzahl an Vereinen ein.

"Osterode hatte die Möglichkeit, sich dem Kreis Göttingen oder Northeim anschließen zu können. Ohne Fusion hätte dort kein Spielbetrieb mehr aufrechterhalten werden können", sagt Hans-Dieter Dethlefs, damals stellvertretender Vorsitzender des Kreisfußballverbands Göttingen und seit mehr als 20 Jahren als Verbandsfunktionär im Amateurfußball aktiv.

Nachbarkreise waren schon vorher miteinander verbunden

Heute ist der 70-jährige Dethlefs Vorsitzender des fusionierten KFV Göttingen/Osterode, der zweitgrößte Kreis im Bezirk Braunschweig. "Die Nachbarkreise waren schon vorher sehr verbunden", sagt Dethlefs. Ein wichtiger Faktor, damit Zusammenschlüsse reibungslos über die Bühne gehen. Jahrzehnte zuvor wurden Schiedsrichter über die Kreisgrenzen hinaus eingesetzt. "Auch die personelle Besetzung der Posten und Gremien lief deshalb ohne nennenswerte Probleme", sagt Dethlefs.

Kritik der Vereine und Unzufriedenheit über die Staffeleinteilung wurde in der frühen Phase nach dem Zusammenschluss aber ebenso geäußert. Im neuen Kreis Göttingen/Osterode gab und gibt es Härtefälle, wenn einzelne Teams in der Kreisliga zum Auswärtsspiel eine Strecke von 100 Kilometern auf sich nehmen müssen.

Fusion in Brandenburg

Diskussionsbedarf und Widerstand hatte es deshalb auch gegeben, als sich die Kreise Oberhavel und Barnim in Brandenburg zusammenschlossen. Das bekam vor allem Spielausschussvorsitzender Steffen Misdziol zu spüren. "Ich habe einigen Teams im Routenplaner die Gesamtstrecke über das Jahr ermittelt. Die war dann 50 Kilometer geringer als in der alten Staffel - trotz einiger längerer Fahrten", berichtet der 66-Jährige.

Aufhören, in alten Grenzen zu denken

Die Devise bei einer Fusion müsse lauten: Alle mit ins Boot holen. Die Kommunikation zwischen Verbänden und Vereinen sowie zwischen den Verbänden untereinander muss stimmen. "Wir sind in Zukunft ein gemeinsamer Kreis und müssen auch so denken", hatte Misdziol 2014 vor der Fusion in einem SPORTBUZZER-Interview gesagt. "Das war nicht von Anfang an der Fall. Die einzelnen Kreisvertreter mussten sich zusammenraufen und bei manchen Vereinen wird auch heute noch in den alten Grenzen gedacht."

Dass durch eine Fusion von Fußballkreisen der Schwund an gemeldeten Teams aufgehalten werden kann, glauben die Vertreter nicht. "Ein Zusammenschluss kann die Entwicklung in den einzelnen Gemeinden nicht aufhalten", sagt Misdziol, der schon zu DDR-Zeiten für die Spielkommission aktiv war. Hans-Dieter Dethlefs vom Kreis Göttingen/Osterode sieht darin einen Trend, der alle Mannschaftssportarten, nicht nur den Fußball betrifft.

Ob ein Zusammenschluss für Fußballkreise sinnvoll sein kann, muss im Einzelfall und je nach regionalen Besonderheiten entschieden werden. Die Verbände sollten die Vereine in jedem Fall frühzeitig in den Entscheidungsprozess einbeziehen, Sorgen einzelner Klubs ernst nehmen und sich keine Illusionen machen: Gebietsreformen allein machen den Amateurfußball nicht attraktiver.

Das sind die prominenten #GABFAF-Unterstützer:

Freunde des Amateurfußballs: Mehr als 40 prominente #GABFAF-Unterstützer findest Du hier in der Galerie. Zur Galerie
Freunde des Amateurfußballs: Mehr als 40 prominente #GABFAF-Unterstützer findest Du hier in der Galerie. ©

"Lösung schaffen, die für einige Jahre Bestand hat"

In Sachsen-Anhalt haben sich die Kreise Anhalt, Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg zu diesem Schritt entschlossen. "Wir wollen eine Lösung schaffen, die für einige Jahre Bestand hat - auch um den bürokratischen Aufwand für die Nachfolger im KFV zu begrenzen", sagt Joachim Golly. Denn auch für die Verwaltungsposten gebe es kaum noch Nachwuchs.

Deshalb werden jetzt die Weichen für den Zusammenschluss gestellt. 2022/23 soll die erste Saison sein, in der im gemeinsamen Kreis gespielt wird. Die Qualifikationssaison wurde wegen der Corona-Pandemie und dem verspäteten Saisonstart 2020/21 um ein Jahr verschoben.