19. November 2021 / 17:20 Uhr

Ellfeldt-Nachfolger Werner Schlacher: "Man hat immer eine Chance"

Ellfeldt-Nachfolger Werner Schlacher: "Man hat immer eine Chance"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Werner Schlacher will den SV Union zurück in die Spur bringen.
Werner Schlacher will den SV Union zurück in die Spur bringen. © Benjamin Feller
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Der 71-Jährige will mit seiner Erfahrung den Bock beim SV Union Neuruppin umstoßen - im SPORTBUZZER-Interview spricht er über seine Anforderungen an die Mannschaft, das Heimspiel gegen Lok Potsdam und die Chancen auf den Klassenerhalt in der Landesklasse West.

Der erhoffte Trainer-Effekt blieb im ersten Spiel nach der Entlassung von Ex-Coach Stephan Ellfeldt aus. Mehr noch, der SV Union Neuruppin kassierte die höchste Niederlage in seiner Landesklassen-Geschichte: Die 1:10-Auswärtspleite bei der Regionalliga-Reserve des SV Babelsberg 03 zeigte alle Schwächen der Gildenhaller gnadenlos auf. Mit seiner enormen Erfahrung will Werner Schlacher gemeinsam mit der Mannschaft den Bock umstoßen. Der 71-Jährige hat mindestens bis zur Winterpause das Sagen an der Seitenlinie und fordert für wiederkehrenden Erfolg von seinen Schützlingen vor allem eines: Trainingsbeteiligung. Über die Schwere der Aufgabe, seinen Vorgänger und das Heimspiel gegen Lok Potsdam sprach der gebürtige Erzgebirger im SPORTBUZZER-Interview.

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Zehn Gegentore in einem Fußballspiel auf Landesebene sind eine absolute Seltenheit. Was ging Ihnen nach der Partie durch den Kopf, Herr Schlacher?

Werner Schlacher: Normalerweise erwartet man nach einem Wechsel auf der Trainerposition einen Ruck, das stimmt. Dafür hätten aber Emotionen auf dem Platz sein müssen. Dass wir spielerisch gegen wirklich bärenstarke Babelsberger, die auf ihrem wunderbaren Kunstrasenplatz einen Ball gespielt haben, den ich in dieser Liga nicht erwartet hätte, in dieser Situation nicht mithalten werden, war mir klar. Aber dass die läuferischen Defizite so groß sind, hat mich überrascht, ja fast schon schockiert, wir waren in allen Belangen unterlegen. Es fehlte einfach der Kampfgeist – keine Gelbe Karte und maximal fünf eigene Fouls während der 90 Minuten sprechen für sich.

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In Bildern: SV Babelsberg 03 II feiert Kantersieg über Union Neuruppin.

<b>SV Babelsberg 03 II – SV Union Neuruppin 10:1 (4:0).</b> Tore: 1:0 Antonin Hennig (10.), 2:0, 3:0 Jonas Tzitschke (13., 28.), 4:0 Benedikt Kahl (42.), 5:0 Tzitschke (52.), 6:0 Louis-Maximilian Schönfelder (64.), 6:1 Markus Filarski (72.), 7:1 Tzitschke (74.), 8:1 Maximilian Busch (81.), 9:1 Schönfelder (85.), 10:1 Busch (88.). Zuschauer: 35. Zur Galerie
SV Babelsberg 03 II – SV Union Neuruppin 10:1 (4:0). Tore: 1:0 Antonin Hennig (10.), 2:0, 3:0 Jonas Tzitschke (13., 28.), 4:0 Benedikt Kahl (42.), 5:0 Tzitschke (52.), 6:0 Louis-Maximilian Schönfelder (64.), 6:1 Markus Filarski (72.), 7:1 Tzitschke (74.), 8:1 Maximilian Busch (81.), 9:1 Schönfelder (85.), 10:1 Busch (88.). Zuschauer: 35. © Benjamin Feller

Wussten Sie, dass es solch eine Mammut-Aufgabe wird?

Selbstverständlich, das habe ich ja schon vorab von mehreren Seiten gehört, auch ich selbst habe mit mir gerungen, ob ich das wirklich mache. Ich habe an der Seitenlinie viele Höhen und auch Tiefen erlebt, wurde gefeuert und gefeiert. Aber wenn mich mehr als 30 Jahre Trainer-Dasein eines gelernt haben, dann, dass man immer eine Chance hat.

Was haben Sie für eine Mannschaft vorgefunden?

Es ist gut möglich, dass es noch ein, zwei Wochen dauert, bis ich überhaupt alle kenne. Das große Problem zeigt sich ja unter der Woche: Ich hatte mit der Mannschaft erst drei Einheiten, das sind viereinhalb Stunden Training. Im Schnitt waren neun Spieler dabei, davon nur etwa sechs aus der ersten Mannschaft. Und an allen drei Trainingstagen waren mit Marco Wornest, Markus Filarski und Ole-Bastian Wagener-Plötz nur drei Stammspieler. Ansonsten habe ich von den bisher 27 eingesetzten Spielern im Männerbereich ganze 14 noch nicht gesehen. Fakt ist, dass die Jungs zulegen müssen – in Sachen Kampfkraft, Emotion, Kameradschaft und Trainingsbeteiligung. Da kann sich die Mannschaft an Co-Trainer Manfred Andriof ein Beispiel nehmen, ein hoch engagierter Mann. Problematisch ist zudem, dass der Freitag unser Hauptbelastungstag ist, wo der Großteil vor Ort ist. Wenn am nächsten Tag aber das Spiel ansteht, muss man die Belastung dosieren.

Telefonat mit Stephan Ellfeldt

Welche Akteure müssen in dieser schwierigen Situation das Heft des Handelns übernehmen?

Ob Marco Wornest, Markus Filarski, Christian Karstedt oder Torhüter Oliver Jundel – wir haben ja fünf, sechs gestandene Spieler mit großer Qualität. Aber das reicht im Gesamtpaket nicht, weshalb es wichtig ist, jede Möglichkeit zu nutzen, um beim Training dabei zu sein.


Nicht nur bei seinen Spielern war er beliebt, auch bei den Trainerkollegen in der Liga genoss Stephan Ellfeldt hohes Ansehen. Haben Sie sich mit ihm ausgetauscht oder vertrauen Sie auf ihr eigenes Bild der Mannschaft?

Nein, nein. Ich habe natürlich mit ihm telefoniert, mir Ratschläge eingeholt und Stephan Ellfeldt als sehr kompetenten Gesprächspartner wahrgenommen. Er war acht Jahre für Union Neuruppin verantwortlich, das zeigt, dass da ein gewisser Sachverstand vorhanden ist. Letztlich hat er mir das erzählt, was nun Tatsache ist und worin die schwache Leistung auf dem Platz begründet liegt. Die dürftige Beteiligung beim Training ist nichts komplett Neues, das war sicher auch vor meiner Zeit so. Zumindest hoffe ich, dass es nichts mit meiner Person zu tun hat, ich habe kein persönliches Problem mit der Mannschaft. Und man muss auch sagen, dass ein neuer Impuls nach neun Niederlagen aus elf Partien sportlich gerechtfertigt ist.

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Mit Lok Potsdam gastiert der Tabellenvierte am Samstag in Gildenhall. Mit welchen Ambitionen geht man in solch eine Begegnung, nachdem man eine Woche zuvor von einer schlechter platzierten Mannschaft so abgefertigt wurde?

Wir müssen uns enorm steigern, darüber sind sich hoffentlich alle bewusst. Es wird wichtig sein, die Räume eng zu machen und dann suchen wir über das Konterspiel selbst unsere Möglichkeiten. Dass der SV Union keine Tormaschine ist, zeigen die zwölf geschossenen Treffer in zwölf Spielen. Deshalb bin ich auch gar nicht so traurig, dass es jetzt gegen Teams aus der oberen Tabellenhälfte geht. Gegen Pritzwalk, Weisen oder Nauen hätten wir momentan deutlich mehr zu verlieren als gegen Lok Potsdam.

Noch vier Partien sind bis zur Winterpause zu bestreiten, die Gegner heißen Lok Potsdam, Bornim, Golm und zum Abschluss gibt es das Stadtderby gegen den MSV Neuruppin II. Wie viele Punkte müssen bis dahin gesammelt werden?

Da gibt es von mir keine Vorgabe, was soll man auch nach so einer Niederlage wie in Babelsberg fordern? Wie wir aufgestellt sind, sieht das natürlich nicht gut aus, aber ich habe es ja bereits betont, man hat immer eine Chance. Es mag abgedroschen klingen, aber ich schaue jetzt wirklich von Spiel zu Spiel, kann auch noch nicht sagen, wie sich die Mannschaft positionstechnisch aufstellen wird. Was ich mir wünsche, ist eine top engagierte Leistung, die Jungs müssen an ihre Grenzen kommen und im Idealfall sogar darüber hinaus gehen.

"Da müssen junge Leute ran"

Glauben Sie mit Blick auf die steigenden Corona-Zahlen, dass die Saison regulär beendet wird?

Ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen. Eigentlich wäre ich am Samstag in den Urlaub nach Österreich gefahren, dieser ist aber komplett abgesagt worden. Ich hätte meine Abfahrt aber von mir selbst aus auch auf Sonntag verlegt, um am Samstag beim Spiel zu sein. Ich will damit sagen, dass ich bereit bin, Leistung anzubieten und hoffe im Gegenzug, dass auch die Mannschaft an einem Strang zieht.

Könnten Sie sich ein dauerhaftes Engagement bei Union vorstellen?

Ich bin 71 Jahre, klar, auch noch fit, aber da müssen junge Leute ran. Ich will mein Leben auch noch genießen, habe Urlaube geplant, also dauerhaft ist das keine Option. Kurzfristig ziehe ich das aber voll durch, wir warten jetzt noch die vier Spiele bis zum Winter ab und schauen dann weiter. Die sportliche Situation kann aber nicht an einzelnen Menschen festgemacht werden.

Union.Abschließende Frage: Spielt der SV Union Neuruppin auch in der Saison 2022/23 in der Landesklasse?

Da möchte ich mich nicht festlegen, weiß aber, dass ich alles dafür geben werde. Die Konstellation kann jeder lesen, Pritzwalk und wir sind bereits etwas abgeschlagen. Ich werde versuchen, die Mannschaft zu stabilisieren, die Jungs müssen selbst begreifen, dass es über Training geht. Sich nur am Samstag für 90 Minuten zu treffen, funktioniert halt nicht.