26. März 2021 / 17:54 Uhr

Mit Can und Rückkehrer Hummels: Wie Löw die Baustellen in der DFB-Abwehr lösen kann

Mit Can und Rückkehrer Hummels: Wie Löw die Baustellen in der DFB-Abwehr lösen kann

René Wenzel
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Zählen zu den Abwehr-Kandidaten im Team von Joachim Löw (rechts): Emre Can (von links), Mats Hummels und Joshua Kimmich.
Zählen zu den Abwehr-Kandidaten im Team von Joachim Löw (rechts): Emre Can (von links), Mats Hummels und Joshua Kimmich. © IMAGO/Ulrich Hufnagel (Montage)
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Der Angriff? Top besetzt! Im Mittelfeld? Ein Überangebot! Und in der Abwehr? Einige Fragezeichen. Die größte Baustelle von Joachim Löw im DFB-Team ist die Defensive. Der Bundestrainer muss mit Blick auf die EM noch einige Entscheidungen treffen.

Joachim Löw ist mit dem Start ins EM-Jahr insgesamt zufrieden. Der Bundestrainer lobt nach dem Sieg gegen Island vor allem sein Mittelfeld-Trio. Und auch über den Angriff mit Serge Gnabry, Leroy Sané und Co. kann sich der 61-jährige Chef-Coach nicht beschweren. Einige offene Fragen muss Löw aber in der Defensive noch angehen.

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Es überraschte schon etwas, dass Emre Can nach den Ausfällen von Marcel Halstenberg und Robin Gosens statt Philipp Max von der PSV Eindhoven als Linksverteidiger auflief. Zuletzt spielte der 27-Jährige im Winter 2013 regelmäßig auf dieser Position. Bei Bayer Leverkusen unter Finnland-Legende Sami Hyypiä. An der Seite von Simon Rolfes, Stefan Kießling und Co. Danach rückte Can ins zentrale Mittelfeld. Bei internationalen Top-Klubs wie dem FC Liverpool und Juventus Turin. Bei Borussia Dortmund ist seine Flexibilität seit Februar 2020 wieder deutlich mehr gefragt – mal im defensiven Mittelfeld, mal als Innenverteidiger, mal als Rechtsverteidiger. Und genau diese Vielseitigkeit schätzt Bundestrainer Löw auch an Can.

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Can als DFB-Allzweckwaffe

"Ich wusste, dass Emre ein Spieler ist, der die Abläufe kennt, der eine gewisse Routine mitbringt, der körperliche Präsenz hat in den Zweikämpfen. Heute waren mir die Erfahrung, die Körperlichkeit und die Lautstärke vom Emre wichtiger", sagte Löw nach dem 3:0-Erfolg gegen Island. Can ist als DFB-Allzweckwaffe aktuell ein fixer EM-Kandidat. Und als Linksverteidiger ein starker Konkurrent von Halstenberg, Gosens und Max. "Geht es so weiter, kann ich mir, denke ich, berechtigte Hoffnungen machen, auf den EM-Zug aufzuspringen", schickte Bergamo-Profi Gosens zuletzt eine kleine Ansage an die Konkurrenz.

Max hält sich mit derartigen Aussagen etwas zurück. Der defensive Außenbahnspieler von PSV Eindhoven erklärte im Gespräch mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass er "nicht der Typ für die großen Parolen" sei. "Ich bin erst das zweite Mal dabei. Ich glaube, dass ich gute Schritte vorwärts machen konnte - auch bei Eindhoven. Ich konnte eine sehr ordentliche Saison spielen und versuche mich hier bei der Nationalmannschaft bestmöglich anzubieten, einfach so zu sein wie ich bin", sagte der 27-Jährige.

Matthäus plädiert für Viererkette

Eine Position weiter in der Defensiv-Zentrale ist das Rennen um die zwei oder möglicherweise auch drei Plätze mindestens genauso spannend. Für Löw stellt sich weiter die Systemfrage: Dreier- oder Viererkette? Festlegen möchte sich der Bundestrainer da nicht. Flexibilität ist auch hier gefragt. Löw entscheidet wohl weiterhin auch Gegner abhängig.

Vor dem gesetzten DFB-Kapitän Manuel Neuer nennt Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus hingegen klar seine Wunschformation – eine klassische Viererkette. "Antonio Rüdiger spielt unter Thomas Tuchel bei Chelsea wieder und das gut, er wirkt selbstbewusst. Matthias Ginter ist Führungsspieler in Mönchengladbach, Niklas Süle hat kapiert, dass er seinen Job ernst nehmen muss. Alle drei überzeugten mich 2017 beim Confed-Cup. Dennoch könnte Löw mit Mats Hummels eine erfahrene Komponente zurückholen", schreibt Matthäus in seiner Kolumne für den Kicker. Für Jerome Boateng wäre daher "trotz guter Leistungen wohl kein Platz". Und die anderen Kandidaten? Jonathan Tah, Robin Koch, Niklas Stark oder auch Felix Uduokhai besitzen nur noch Außenseiter-Chancen auf ein EM-Ticket.


Deutschland in der Einzelkritik gegen Island

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Deutschland gegen Island in der Einzelkritik. ©

Ginter: "Nehme die Konkurrenzsituation voll an"

Ginter selbst sieht eine spannende Situation in der Abwehr. "Wir haben viele Spieler, die auch fast alle in der K.o.-Phase in der Champions League mit dabei sind oder waren. Das ist schon eine große Konkurrenz. Es ist aber auch in einem Land wie Deutschland normal. Ich versuche jeden Tag zu nutzen und Ehrgeizig zu bleiben. Ich nehme die Konkurrenzsituation voll an", betonte der Gladbach-Profi gegenüber dem SPORTBUZZER.

Auf der rechten Abwehrseite ist die Lage im Vergleich zum Zentrum etwas verzwickter. Gegen Island bekleidete Lukas Klostermann die Position rechts hinten in der Viererkette. Doch bei RB spielte der 24-Jährige in den vergangenen Monaten eher in der Dreierkette. Wo er sich selbst sieht? "Ich bin recht flexibel. Im Verein habe ich zuletzt häufiger in der Innenverteidigung gespielt. Wir haben da auch immer mal wieder gewechselt zwischen Dreier- und Viererkette. In der jüngeren Vergangenheit habe ich auch auf der rechten Verteidigerposition gespielt. Von daher bin ich auf alle Eventualitäten gut vorbereitet", sagte Klostermann auf SPORTBUZZER-Nachfrage.

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Im ersten WM-Quali-Spiel harmonierte das Mittelfeldtrio mit Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Ilkay Gündogan zwar hervorragend, doch irgendwo muss mit Blick auf die EM im Sommer noch Platz für den aktuell verletzten Toni Kroos und den wahrscheinlichen Rückkehrer Thomas Müller geschaffen werden. Der erste Gedanke von Matthäus ist daher logisch: Kimmich nach rechts hinten ziehen. "Er hat dies beim Champions-League- Finalturnier zum Wohle und Erfolg des FC Bayern getan, Philipp Lahm bei der WM 2014 ebenfalls. Damit könnte zugleich eine Schwachstelle dieses Teams behoben werden", meint der Rekordnationalspieler. Kimmich überragte im Mittelfeld gegen Island, spielte 163 Pässe zum Mitspieler und erhielt die SPORTBUZZER-Note 1.

Baku ein Kandidat für Löw

Löw schließt die Option mit dem Bayern-Star als Rechtsverteidiger nicht aus, lässt alle Varianten in seine Überlegungen einfließen. "Die Überlegung mit Kimmich muss man sehen. Es gibt verschiedene Konstellationen, die man im Mai überlegt", sagte Löw: "Er macht in beiden Positionen einen guten Job. Er schlägt gute Flanken, ist aber auch im Mittelfeld extrem wichtig." Viel mehr Optionen gibt es für die Rechtsverteidiger-Position nicht. Seit dem DFB-Aus von Lahm im Jahr 2014 herrscht eine klaffende Lücke. Zuletzt konnte Thilo Kehrer nicht überzeugen, Löw ließ den 24-Jährigen für die ersten Länderspiele 2021 in Paris zurück. Da klingt die Variante mit Ridle Baku vom VfL Wolfsburg schon deutlich wahrscheinlicher. Der Star der U21 und Stammspieler des Champions-League-Aspiranten ist die große Hoffnung auf dieser Position. Aktuell trägt er eine führende Rolle bei der U21-EM und erzielte bereits zwei Treffer.

Neben Klostermann und Baku gibt es aktuell nur einen weiteren heißen Kandidaten – Allzweckwaffe Can. Doch der BVB-Profi bevorzugt eigentlich eine andere Rolle. „Ich sehe mich generell im Zentrum und eher nicht als Rechtsverteidiger. Ob im defensiven Mittelfeld oder als Innenverteidiger, das ist egal“, so Can: "Ein Innenverteidiger-Duo mit Mats Hummels bei der EM kann ich mir sehr gut vorstellen." Dieser Gedanke bleibt aufgrund der aktuell starken Verfassung von Rüdiger, Ginter und Süle aber ganz sicher nur ein Wunsch des Dortmunders.