20. Januar 2022 / 16:56 Uhr

Nur laufen und reden, aber nichts leisten müssen: Leipziger „arbeiten“ mit Sport gegen Depressionen

Nur laufen und reden, aber nichts leisten müssen: Leipziger „arbeiten“ mit Sport gegen Depressionen

Stephanie Riedel
Leipziger Volkszeitung
Stan Polhling ist Teil von „Austausch bewegt“, einem Laufprogramm des Leipziger Bündnisses gegen Depression.
Stan Polhling ist Teil von „Austausch bewegt“, einem Laufprogramm des Leipziger Bündnisses gegen Depression. © Christian Modla
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Das Leipziger Bündnis gegen Depression bietet viele Angebote für Betroffene: Unter anderem das Laufprogramm „Austausch bewegt“, bei dem sich auch Stan Pohling als Übungsleiter beteiligt. Gemeinsam sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch bei der "LVZ-Laufforderung" am Start.

Leipzig. „Beim Laufen kann ich abschalten, kann ich bei mir sein“, sagt Stan Pohling. Der Leipziger schnürt seit 2016 regelmäßig die Laufschuhe. „Da kann ich die Gedanken vorbeifliegen lassen, bin ich ich selbst, spüre mich einfach.“ Das war nicht immer so. „Vor sechs Jahren hat sich in meinem Privatleben etwas geändert. Das war keine Depression. Aber ich habe eine Leere gespürt und wollte diese Lücke füllen“, erzählt der 43-Jährige. Deshalb trat er dem Leipziger Bündnis gegen Depression bei.

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Keine seltene Erkrankung

Dessen Mitglieder kommen nicht nur miteinander ins Gespräch. Unter dem Motto „Austausch bewegt“ schwitzt der Übungsleiter aktuell alle zwei Wochen mit der Laufgruppe des Bündnisses. Seit Dezember sind Pohling und Co. auch bei der „LVZ-Laufforderung“ am Start. Priorität hat dabei der ungezwungene Austausch miteinander. „Wichtig zu wissen ist, dass niemand, der hierherkommt, etwas leisten muss, sondern aufgefangen wird.“ Der Ansatz von Pohling und Team: „Wir wollen die mitnehmen, die nicht den Mut haben, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, mit anderen Sport zu treiben.“ Angela Grundmann, Projektleiterin beim Bündnis, erzählt, dass Bewegung bei Depressiven ähnliche Wirkungen, erzielen kann wie eine Psychotherapie oder eine Medikation. So gesehen läuft die Gruppe öffentlich gegen die Krankheit an.

Mehr zur LVZ-Laufforderung

Depressive Störungen gehören laut Bundesministerium für Gesundheit zu den häufigsten Erkrankungen. Schätzungsweise 16 bis 20 Prozent aller Deutschen erkranken in ihrem Leben mindestens einmal daran. Eine Depression ist dabei durch drei Hauptmerkmale charakterisierbar: gedrückte Grundstimmung, Verlust von Interesse und Freude sowie gestörter Antrieb. „Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht“, erklärt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

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Anlaufen gegen die Dunkelheit

Das Leipziger Bündnis macht zahlreiche Angebote, um dem entgegenzuwirken. Laufen ist eines davon. Pohling ist seit 2017 im Verein aktiv. „Ich habe selbst Hilfe gebraucht und bekommen. Dann habe ich mich gefragt, wie kann ich etwas zurückgeben.“ Neben seiner hauptberuflichen Beschäftigung bei einer hiesigen Brauerei und dem Engagement für die Laufgruppe, bekleidet er das Amt des Schatzmeisters. Sport als Ausgleich vom Alltagsstress ist für den Messestädter nicht mehr wegzudenken.

Pohling arbeitet übrigens auf sein großes Ziel 2022 hin: den New York Marathon. Dafür trainiert er mit Thorsten Schindler. Der führt die Einzelwertung der LVZ-Laufforderung an, spulte bisher über 850 Kilometer ab. Nach Ende des Wettbewerbs will er zehn Cent je von ihm gelaufenem Kilometer an das Bündnis spenden. „Ich war selbst betroffen. Das Laufen hat mir das Leben gerettet“, so der 53-Jährige.

Inzwischen ist es dunkel um die Arena geworden. Pohling entschwindet in Richtung Richard-Wagner-Hain. Seine gelbe Weste hebt sich im Lichtschimmer der Autoscheinwerfer zwischen Spaziergängern und Fahrradfahrern hervor. Anlaufen gegen die Dunkelheit, für die Gesundheit.