19. Januar 2021 / 14:52 Uhr

Naunhofer Nico Kanitz sieht Lok Leipzig "bis heute als meine sportliche Heimat"

Naunhofer Nico Kanitz sieht Lok Leipzig "bis heute als meine sportliche Heimat"

Steffen Enigk
Leipziger Volkszeitung
Nico Kanitz begann seine Karriere beim VfB Leipzig in Probstheida. Heute steht er als Hobbykicker beim SV Naunhof auf dem Platz.
Nico Kanitz begann seine Profi-Karriere beim VfB Leipzig in Probstheida. Heute steht er als Hobbykicker beim SV Naunhof auf dem Platz. © LVZ-Archiv
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Er spielte für den Halleschen FC, den Chemnitzer FC, die Stuttgarter Kickers und auch eine Saison lang für den FC Sachsen Leipzig. Fußballerisch groß geworden ist Nico Kanitz aber in Probstheida, beim VfB Leipzig. Seine Zeit dort hat er nie vergessen. Mit 40 Jahren steht er inzwischen beim SV Naunhof in der achten Liga auf dem Platz und ist mit sich im Reinen.

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Naunhof. Die Prioritäten sind jetzt andere als in seiner langen Profi-Karriere. Nico Kanitz hat gerade eine Videokonferenz hinter sich. Sein Job als Technischer Betriebsleiter bei den Stadtwerken Halle verlangt viel Zeit, und die Kinder Pepe, 12, und Elli, 10, drängeln schon. Homeschooling zu Hause in Leipzig, Corona lässt grüßen. „Lehrer zu sein ist ganz schön schwer“, stöhnt der 40-Jährige.

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Fußball spielt er aber immer noch, in der Kreisoberliga. Sein alter Kumpel Benny Fraunholz, Trainer beim SV Naunhof, hat ihn 2016 dazu überredet. „Ich versuche, meinen Kadaver noch ein bisschen zu bewegen“, witzelt Kanitz, „und gehe deshalb auch viel Laufen.“ Das Mittelfeld ist wie früher sein Metier. „Ich will ja nicht nur auf dem Platz rumstehen, es muss Spaß machen.“ In dieser Saison kam er nur zu wenigen Einsätzen. „Es ist an der Zeit, die Jugend ranzulassen. Ich stehe aber bereit, wenn ich gebraucht werde, sozusagen auf Abruf.“

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Erlebt hat der gebürtige Wurzener ja genug bei seinen Vereinen: VfB Leipzig, FC Sachsen, Chemnitzer FC, Stuttgarter Kickers, Hallescher FC, IMO Merseburg. Begonnen hatte alles in Großsteinberg. Er kickte oft mit seinem älteren Bruder, der beim TSV spielte. „Als ich sechs war, hat mich mein Vater zum Probetraining nach Probstheida gebracht. Von 30 Kindern wurden zehn genommen.“ In den nächsten zwölf Jahren fuhr Reiner Kanitz seinen Sohn vier- bis fünfmal in der Woche zum Training und zu den Spielen nach Leipzig. „Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein“, sagt Nico, „mein Vater ist dann sogar Teambetreuer geworden.“ Kanitz Junior versuchte es zwar auf dem Internat, brach aber nach wenigen Tagen ab. „Ich brauchte das Dorf, den Wald, meine Eltern.“



Von VfB-Insolvenz profitiert

Der Aufwand lohnte sich. Nico hatte Talent, durchlief die Jugendmannschaften von Lok und VfB. „Ich hatte gute Trainer wie Männe Geißler oder Jörg Seydler.“ Bis zur A-Jugend war er Stürmer, dann überzeugte Seydler den nur 1,69 Meter großen, aber technisch versierten Youngster, es auf der Außenbahn zu probieren. Linksbeiner waren rar und Kanitz wurde zum Volltreffer. „Ich hatte nur Fußball im Kopf, habe aber trotzdem in Liebertwolkwitz eine Lehre zum KFZ-Mechaniker abgeschlossen. Heute weiß ich, wie wichtig eine Ausbildung ist.“

Nur eine Episode: Kanitz spielte eine Saison lang für den Probstheidaer Erzrivalen FC Sachsen Leipzig.
Nur eine Episode: Kanitz spielte eine Saison lang für den Probstheidaer Erzrivalen FC Sachsen Leipzig. © LVZ

Noch wichtiger für ihn wurde sein erster Trainer bei den Männern: Achim Steffens schenkte dem 19-Jährigen sein Vertrauen. „Ich hatte Glück, dass er nach der ersten VfB-Insolvenz eine neue Mannschaft aufbauen musste“, erzählt Nico: „Von Achim habe ich am meisten gelernt. Er war akribisch und knallhart, oft aber auch locker und witzig, einfach ein toller Typ.“

Kanitz wurde schnell Stammspieler und blieb es mehrere Jahre. 2003, der Verein war wieder in finanzielle Turbulenzen geraten und verpasste den Sprung in die Regionalliga, ging Kanitz dann ausgerechnet zum aufgestiegenen Ortsrivalen FC Sachsen. „Trainer Jürgen Raab hatte bei mir für die Regionalliga angefragt. Ich wollte in der Stadt bleiben und der Kühlschrank musste auch voll werden“, begründet Kanitz seine Entscheidung, die ihm die Fans übel nahmen. „Aber Lok sehe ich nach so vielen Jahren in Probstheida bis heute als meine sportliche Heimat, mit ehemaligen Teamkollegen wie Nico Knaubel, Thorsten Görke und Frank Schöne bin ich immer noch befreundet.“

Ausbildung zum Fitnesskaufmann

Leutzsch wurde für Kanitz zum Intermezzo, die Mannschaft stieg ab und er zog 2004 weiter zum Chemnitzer FC, wieder nur für ein Jahr. „Menschlich passte es dort, ich wollte eigentlich bleiben, aber dann kam ein Angebot von Robin Dutt aus Stuttgart, und ich wollte diese Chance in der Regionalliga Süd nutzen und es mal im Westen versuchen, habe für zwei Jahre unterschrieben.“ Doch die Kickers schafften es nicht wie erhofft in die 2. Bundesliga, und in der zweiten Saison saß Kanitz viel auf der Ersatzbank. „Ich habe in Stuttgart das kollektive Miteinander, den Zusammenhalt sehr vermisst, das waren alles Einzelkämpfer, mir fiel es schwer, Kontakte zu knüpfen. Ich war unzufrieden und wollte dann nur noch zurück Richtung Heimat.“

An seine Zeit beim Halleschen FC und Coach Sven Köhler hat Kanitz beste Erinnerungen.
An seine Zeit beim Halleschen FC und Coach Sven Köhler hat Kanitz beste Erinnerungen. © Worbser

Mit 27 war ihm zudem klar geworden, dass es nicht für die ganz großen Ligen, für die Bundesliga reicht. „Ich habe meine Grenzen gesehen und wollte zu einem Verein, der mir auch berufliche Chancen bietet.“ Kanitz ging zum Halleschen FC, absolvierte an der Saale nebenbei eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann und später noch ein Studium, arbeitete zunächst parallel zum Fußball halbtags 20 Stunden bei den Stadtwerken. Auch sportlich lief es in den sechs Jahren in Halle gut. Unter Trainer Sven Köhler erlebte Kanitz seine erfolgreichste Zeit, wurde in der Regionalliga Kapitän und Identifikationsfigur für die Fans, spielte nun in der Defensive als linkes Glied der Viererkette, führte sein Team 2012 zum Drittliga-Aufstieg. „Das war die Krönung, und mein Ziel war dann noch, in unserem neuen Stadion ein Tor zu schießen. Das ist mir beim 1:0 gegen Babelsberg gelungen.“

Der HFC etablierte sich in Liga drei, Kanitz kam auf 30 Einsätze. Inzwischen hatten ihm die Stadtwerke einen unbefristeten Vollzeit-Job angeboten, inzwischen hatte er Familie und zwei Kinder, inzwischen war er 33 – und setzte die Prioritäten neu. „Ich wollte raus aus dem Profifußball und mich auf den Beruf konzentrieren, bin 2013 in die Verbandsliga nach Merseburg gewechselt und habe dort drei Jahre lang ordentlich abtrainiert.“

Dienstantritt beim SV Naunhof war für Kanitz im Juli 2016. Hier lacht er zusammen mit den anderen Neuzugängen Charalampo Alexandropolos, René Beckert, Franz Boltze in die Kamera.
"Dienstantritt" beim SV Naunhof war für Kanitz im Juli 2016. Hier lacht er zusammen mit den anderen Neuzugängen Charalampo Alexandropolos, René Beckert, Franz Boltze in die Kamera. © caf

„Mannschaftssport fördert soziale Kompetenz“

Rückblickend bewertet er seine Karriere als überwiegend positiv mit vielen schönen Erfahrungen. „Wobei mir das Wort Karriere zu groß ist, ich würde eher von einer Laufbahn sprechen. Ich war kein Überflieger. Vielleicht hätte ich mit etwas Glück auch einige Zweitliga-Spiele absolvieren können, aber ich bin insgesamt zufrieden und habe gelernt, dass sich Fußball vor allem zwischen den Ohren abspielt. Es müsste eigentlich Kopfball heißen.“

Sein Sohn spielt in Engelsdorf Fußball, seine Tochter Handball in Taucha. „Mannschaftssport schweißt zusammen, prägt den Charakter und fördert die soziale Kompetenz“, sagt Nico Kanitz. Deshalb will er auch noch eine Weile beim SV Naunhof weitermachen. „So lange mich die Beine tragen, werde ich die Schuhe nicht an den Nagel hängen und vielleicht später noch irgendwo bei den Alten Herren spielen.“

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