15. Mai 2021 / 09:16 Uhr

RB Leipzig nach erfolgloser Titeljagd im Pokal: Enttäuschung, Wut, Fragen

RB Leipzig nach erfolgloser Titeljagd im Pokal: Enttäuschung, Wut, Fragen

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Benjamin Henrichs
Benjamin Henrichs nach der Niederlage gegen Borussia Dortmund im Finale des DFB-Pokals. © Filip Singer - Pool/Getty Images
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Aufstellung, Taktik, emotionale Intelligenz: Die 1:4-Pleite von RB Leipzig im DFB-Pokal-Finale gegen Borussia Dortmund hallt nach und bringt Cheftrainer Julian Nagelsmann in Erklärungsnot.

Berlin/Leipzig. Ausgerechnet in Zeiten, in denen man sich gerne aus dem Weg gehen würde, hängen sie aufeinander. Die verhinderten Pokal-Helden von RB Leipzig. Tür an Tür. Im Camp der Frustrierten, Enttäuschten und Wütenden. Das von der Deutschen Fußball-Liga bis zum Saisonende verhängte Quarantäne-Trainingslager soll dafür sorgen, dass Corona außen vor bleibt und die letzten beiden Spieltage fristgerecht über die Bühne gehen können. Die Maßnahme macht Sinn und erfinderisch. So ließ Bayern-Trainer Hansi Flick die Lieben der Bayern-Stars mit ins Grassauer Hotel, zumindest bis das Gesundheitsamt dem einen Riegel vorschob.

Viel Zeit in der Quarantäne

Die Männer um RB-Kapitän Marcel Sabitzer müssen die Tage im Trainingszentrum am Cottaweg ohne Anhang über sich ergehen lassen, die räumlichen Bedingungen lassen nichts anderes zu. Die Tage bis zum Heimspiel gegen Wolfsburg (Sonntag, 20.30 Uhr) und dem finalen Match bei Union Berlin am 22. Mai werden sich wie Kaugummi ziehen, zur nervlichen und charakterlichen Zerreißprobe.

DURCHKLICKEN: Einige Bilder aus der Partie

Und es hat wieder nicht gereicht: Nach einer indiskutablen ersten Spielhälfte muss sich RB Leipzig im Finale des DFB-Pokals Borussia Dortmund mit 1:4 geschlagen geben. Zur Galerie
Und es hat wieder nicht gereicht: Nach einer indiskutablen ersten Spielhälfte muss sich RB Leipzig im Finale des DFB-Pokals Borussia Dortmund mit 1:4 geschlagen geben. ©

Über allem schwebt, na klar, das niederschmetternde 1:4 (0:3) im Pokalfinale gegen Dortmund. Das Leben im Camp. Training, Essenfassen, Billard, Tischtennis. Da bleibt viel Zeit übrig.

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Zeit, um sich all den Fragen, die in der Tiefe des Raumes stehen, zu nähern. Zeit, um taktische und personelle Szenarien an die weiße Einzelzimmer-Wand zu entwerfen. Szenarien, die nicht in einem 1:4-Albtraum enden. Zeit, um seinen inneren Frieden mit der Pleite und diversen hausgemachten Nebenkriegsschauplätzen zu machen.

Nicht alles war falsch in zwei Jahren Nagelsmann

Zeit, um sich den innovativ-lästerlichen Eingebungen im World Wide Web zu widmen. Ein User verkauft einen RB-Trophäenschrank. Ohne Gebrauchsspuren. Preis: Verhandlungsbasis. Auch im Angebot: Ein Weihrauch-Kessel aus Messing. Mit Gebrauchsspuren aus einem Leipziger Trainerzimmer. Preis: VB. Beides und noch viel mehr zielt ab auf RB-Cheftrainer Julian Nagelsmann. Die Internet-Gemeinde ist mit sehr losem Finger unterwegs und sich weitgehend einig. Erstens und böse: JN möge sich bitte sofort gen München verändern. Zweitens und sehr böse: Die Bayern haben in Sachen Trainer (Nagelsmann) und Abwehrchef (Dayot Upamecano) mit dem Storch gepokert und die Beinchen gewonnen.

Beginnen wir mit Grundsätzlichem. Nagelsmann hat weder silberne Löffel geklaut noch seinen Arbeitgeber öffentlich madig gemacht. Er hat RB zweimal in die Champions League geführt, dem Spiel der Roten Bullen mehr Raffinesse beim Auseinanderdividieren massierter Abwehr-Reihen verliehen. Er hat sehr oft und sehr tief in den Maschinenraum des Spiels gegriffen. Vor dem Spiel und mittenmang. Das ging oft gut - und diverse Male an wichtiger Stelle in die Turnhose.


Startelf, die sich so nicht kennt

Weniger (Taktik) ist mehr: Beim 0:3 gegen Paris im Champions-League-Halbfinale verlegt Nagelsmann die Pressinglinie nach hinten, lässt später als beim Husarenritt gegen Atletico angreifen, setzt befreiende Schläge seiner Abwehrspieler auf den Index und zahlt Lehrgeld.

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Dreier-Kette ohne Rücksicht auf Verluste: Das steifbeinige Festhalten an der Dreier-Abwehrkette führt dazu, dass ein Mann wie Amadou Haidara im Pokalfinale im linken Mittelfeld für Flankenläufe und Gefahr sorgen soll. Problem: Haidara hat keinen linken Fuß. Und was, so fragt man sich, hat die Vierer-Kette dem Coach eigentlich angetan?

Emotionale Intelligenz: Beim 1:4 gegen Dortmund setzt Nagelsmann auf eine Elf, die sich so erstmals im Abschlusstraining begegnet ist. In einem Pokal-Finale. Emil Forsberg hat RB nach Berlin geschossen und erlebt den Anpfiff auf der Bank. Vorm WM-Endspiel gegen Argentinien musste Franz Beckenbauer wählen zwischen dem im Halbfinale superstarken Olaf Thon und Thomas Häßler. Beckenbauer stellte Häßler auf, sagte in Anspielung auf eine Häßlersche Last-Minute-Heldentat in der WM-Qualifikation: „Ohne Icke wären wir gar nicht hier.“

Auf wen hört Nagelsmann?

Passend dazu: Wie muss sich Rekordspieler Yussuf Poulsen fühlen, wenn ihm mit Alexander Sörloth und Hee-chan Hwang gleich zwei Stürmer vorgezogen werden, die im Saisonverlauf keine Faktoren waren? Wie fühlt sich das Ganze für den untadeligen Willi Orban an, der beim Paris-Spiel erst kurz vorm Ende und in Berlin gar nicht rein kam?

Thema: Diskussionen auf Augenhöhe. Von wem lässt sich der selbstgewisse Cheftrainer etwas sagen, vom wem inspirieren, wer traut sich Widerworte? Einen unter Dauerstrom stehenden schwäbischen Säulenheiligen wollten sie bei den Roten Bullen nicht mehr haben. Weder als Ratgeber für Sportdirektor Markus Krösche. Und schon gar nicht als Mentor für Julian Nagelsmann.

Kann man alles so machen. Muss man aber nicht.