01. Oktober 2021 / 20:56 Uhr

Reden statt draufhauen: RB Leipzigs Marsch kritisiert vor allem sich selbst

Reden statt draufhauen: RB Leipzigs Marsch kritisiert vor allem sich selbst

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Jesse Marsch setzt um Umgang mit seinen Profis auf Gespräche.
Jesse Marsch setzt um Umgang mit seinen Profis auf Gespräche. © Imago/motivio/Montage
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Vor dem Spiel gegen den VfL Bochum hat sich RB Leipzigs Trainer Jesse Marsch hinter seine Jungs gestellt und statt dessen sich selbst in die Pflicht genommen. 

Leipzig. „Wir müssen überlegen, was unsere beste Mannschaft ist. Vielleicht spielen wir mit dieser Gruppe und müssen mehr in diejenigen investieren, die verstehen, was wir wollen.“ Es war ein ungewöhnlicher verbaler Rumms, der Jesse Marsch nach dem 1:2 gegen Club Brügge entfuhr. So mancher frohlockte: Endlich Schluss mit „Wir“, mit Gute-Laune-Attitüde! Der Coach räumt auf und mistet aus. Einige sahen gar die Spaltung der so oft beschworenen Gemeinschaft am Horizont aufziehen.

Gesucht: die Stammformation

Denkste! Am Tag vor dem dritten Heimspiel von RB Leipzig innerhalb von acht Tagen – der VfL Bochum kommt (Samstag, 18.30 Uhr) – stellte der US-Amerikaner klar: „Es ist nicht so, dass wir die Gruppe trennen und die anderen sind dann weg.“ Es sei auch nicht so, dass er gedenke, mit einigen weniger zu sprechen als mit anderen. Zu einer Trainingsgruppe zwei, wie es sie einst bei der TSG Hoffenheim, wird es also nicht kommen am Cottaweg.

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Was genau meinte Marsch dann mit seiner Ankündigung? Ihm ging es um die Rotation, genauer um weniger davon. „Weniger zu rotieren kann helfen, stabiler zu sein“, erklärte der 47-Jährige. Eigentlich logisch: In einem Team, das aktuell nicht vor Selbstsicherheit strotzt, können Veränderungen die Verunsicherung vergrößern statt ihr abhelfen. Was Marsch und Co. suchen (und brauchen), ist schlicht und ergreifend eine Stammformation – soll es auch andernorts geben. An der können dann punktuell und nach den Erfordernissen des jeweiligen Gegners Veränderungen erfolgen, ohne dass das gesamte RB-Gebäude namens Mannschaft bedrohlich ins Wanken gerät.

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Ted Lasso lässt grüßen

Auf dem Weg zu eben dieser Stammformation nimmt der Coach vor allem sich selbst in die Pflicht. „Ich muss mehr Lösungen für die Spieler finden. Ich muss ihnen mehr helfen. Ich muss das besser machen.“ Egal ob Sieg oder Niederlage, „ich rede immer mit meinen Spielern. Sie hören viel von mir, vielleicht zu viel.“ Auch in dieser Woche habe es viele Einzelgespräche gegeben. Natürlich verriet Marsch nichts über deren Inhalt. Aber der Mann, der noch am Dienstag bekannt hatte „ich war überrascht, dass wir so schlecht gespielt haben“, sagte gestern: „Ich bin sehr dankbar, diese Spieler zu haben.“ Er lobte den Mannschaftsrat, der regelmäßig initiativ das Gespräch mit ihm suche. „Ich bin dankbar für ihre Unterstützung.“

Wer Marsch seine Worte negativ auslegen mag, spricht von Rolle rückwärts, von Führungsschwäche. Tatsächlich lebt der US-Amerikaner eine andere Art von Leadership, wie es über dem großen Teich heißt und dort absolut üblich ist. Eine Art, bei der es eben keine Alternative ist, auf den Strauchelnden – und genau das tut RB gerade, straucheln – draufzuhauen. Der Leader stellt sich wahlweise vor, in erster Linie aber hinter „seine“ Leute, (be-)stärkt sie. Motto: Ich glaube an euch. Ihr habt das drauf. Jetzt geht raus und zeigt genau das. Ted Lasso, Protagonist der gleichnamigen US-TV-Serie, lässt grüßen.

Nichtsdestotrotz: RB braucht Ergebnisse, am besten sofort, am besten gleich gegen Bochum. Das weiß Marsch. Er wird Angelino bringen („brauchen wir“), Dreierkette spielen lassen („Tendenz geht dahin“) und wohl André Silva zurückholen („Er ist jetzt frischer als Yussi.“). Dani Olmo und Marcel Halstenberg fehlen weiter verletzungsbedingt.