21. Januar 2021 / 15:00 Uhr

Wie die Respondek-Brüder als Staatenlose den Leipziger Fußball aufmischten

Wie die Respondek-Brüder als Staatenlose den Leipziger Fußball aufmischten

Frank Müller
Leipziger Volkszeitung
Ceslaus Respondek (oben rechts mit dem Blumenstrauß) und die Sportfreunde Markranstädt feiern die Bezirksmeisterschaft Leipzig.
Ceslaus Respondek (oben rechts mit dem Blumenstrauß) und die Sportfreunde Markranstädt feiern die Bezirksmeisterschaft Leipzig. © 100 Jahre Fußball in Markranstädt
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Vor und während des Zweiten Weltkriegs holten sich die Brüder Ceslaus und Theo Respondek von den Sportfreunden Markranstädt gleich viermal die Torjäger-Krone im Bezirk. Dabei spielte auch eine Rolle, dass sie (anders als ihr Bruder Walter) die deutsche Staatsbürgerschaft ablehnten.

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In der über 100-jährigen Liste von Torschützenkönigen der Leipziger Fußball-Landesklasse (alias Bezirksliga, -klasse und Gauliga) ragen zwei Spieler nicht nur sportlich, sondern aus einem ungewöhnlichen Umstand heraus. Die Brüder Ceslaus, genannt „Locke“, und sein Bruder Theo Respondek waren Staatenlose. Das rührte wohl daher, dass ihre Eltern aus Osteuropa, wahrscheinlich Polen stammten. Der Vater arbeitete als Kohlebergmann in Kulkwitz, gleich neben Markranstädt am Rande Leipzigs.

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Nur einer der drei Brüder wurde deutscher Staatsbürger

Walter, der dritte Sohn, genannt „Tadeck“, nahm Ende der 1930er Jahre unter dem Naziregime die deutsche Staatsbürgerschaft an, die beiden anderen lehnten dies ab. Die Gründe sind nicht bekannt, doch es erstaunt, dass diese Option überhaupt bestand. Schließlich erwies sich die Entscheidung jedoch als schicksalhaft.

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Denn Walter wurde die deutsche Staatsbürgerschaft zum Verhängnis, er wurde zur Wehrmacht eingezogen und fiel im Krieg. Ceslaus und Theo hingegen überlebten, konnten sogar bis zum Kriegsende als Zivilisten kicken. Sie standen im Finale zwischen Markranstädt und dem VfB Leipzig um die sogenannte Kriegsmeisterschaft 1944/45. Das Rückspiel fand im März 1945 (nur zwei Wochen vor Einmarsch der Amerikaner in Leipzig!) statt, der VfB wurde nach einem 3:3 vor 1500 Zuschauern in Markranstädt und einem 3:2 vor 4000 Zuschauern in Leipzig-Probstheida Meister.

Zwischen den beiden Endspielen starben bei einem Luftangriff auf Leipzig über 1000 Menschen. Im April weitere 700. Die Toten wurden danach teilweise im VfB-Stadion abgelegt – aus heutiger Sicht überaus makaber, aber wahrscheinlich aus reiner Platznot, denn das Oval liegt gegenüber Leipzigs größter Begräbnisstätte, dem Südfriedhof.

Im Gegensatz zu seinen Brüdern spielte Tadeck nicht bei den Sportfreunden Markranstädt, sondern für die SV 1899 Leipzig und holte sich nie die Torjägerkrone. Dagegen gelang dies Ceslaus, dem spielerisch besten der Gebrüder, gleich dreimal: 1937/38, 1940/41 und 1947/48. Theo genügten 1948/49 dann 15 Treffer für die Markranstädter, um bester Torschütze im Bezirk zu werden.

Der VfB Leipzig blitzt ab

Der am 8. April 1914 geborene Ceslaus war indes nicht nur ein guter Vollstrecker, sondern auch ein brillanter Techniker. Zeitzeugen berichten, dass er auch maßgeblich als „Einfädler“ beteiligt war, als sein Bruder Theo die Krone 1949 ergatterte, ein Jahr nachdem er sie sich selbst zum dritten Male aufgesetzt hatte. Kein Wunder also, dass andere Vereine schon früh an „Locke“ Interesse hatten. Allen voran der erste und dreifache Deutsche Meister und Pokalsieger von 1937, VfB Leipzig.

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Doch dessen Offerte lehnte der da 23-Jährige im gleichen Jahr ab. Er hätte im Leipziger Kaufhaus Hollenkamp arbeiten sollen, wohlgemerkt nur bis mittags. Doch Ceslaus sagte: „Das ist nichts für mich.“ In Markranstädt waren die Konditionen offenbar noch komfortabler, er war bei einem Mäzen angestellt, einer Kürschnerfirma, die seinem Schwiegervater gehörte.

Sepp Herberger beruft Ceslaus Respondek sogar zum DFB

„Locke“ wurde gar von Reichstrainer Sepp Herberger zu einem DFB-Lehrgang gerufen. Doch, weil er seinen Status als Staatenloser nicht änderte, wurde er nicht wieder eingeladen. Seine spielerischen Fähigkeiten wahrte er dennoch bis weit in die 1950er Jahre, als er doch noch aus Markranstädt wegging, für Empor Wurzen von 1950 bis 1952 zweite Liga spielte, dann aber zurückkehrte. Bis 1957 spielte er – zum Teil schon als Spielertrainer – und wirkte bis 1963 als Coach in Markranstädt.

Zwischendurch hatte er 1951/52 seltsamerweise sogar kurz im Aufgebot von DDR-Oberligist Einheit Pankow gestanden. Ein 1:4 gegen Wismut Aue blieb dort aber offenbar der einzige Auftritt des bereits 37-Jährigen. Zumindest sind keine weiteren Einsätze in den Reihen der Ost-Berliner belegt. In Markranstädt erinnern sich indes noch heute ältere Fußballfans an den Ausnahme-Spieler Ceslaus „Locke“ Respondek und seine Brüder.