16. Februar 2021 / 18:18 Uhr

Serie-A-Profi Lennart Czyborra: "In Bergamo hat die Perspektive gefehlt"

Serie-A-Profi Lennart Czyborra: "In Bergamo hat die Perspektive gefehlt"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
In der italienischen Serie A trifft Lennart Czyborra (r.) regelmäßig auf Weltstars – wie hier im Zweikampf auf den belgischen Nationalspieler Romelu Lukaku.
In der italienischen Serie A trifft Lennart Czyborra (r.) regelmäßig auf Weltstars – wie hier im Zweikampf auf den belgischen Nationalspieler Romelu Lukaku. © imago images/HochZwei/Syndication
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Der gebürtige Wandlitzer spricht über sein erstes halbes Jahr in Genua, Fußball ohne Zuschauer, sprachliche Barrieren und das große Ziel Bundesliga.

Lennart Czyborra hat einen Lauf. Seit Sommer ist der 21-jährige Fußballer beim Serie-A-Club und neunfachen italienischen Meister FC Genua aktiv, mit dem er in den letzten sechs Partien nicht verlor und sich bis auf Rang elf vorarbeitete. Der gebürtige Wandlitzer (Barnim) spricht im Interview über seine Leihe von Atalanta Bergamo, sein Kopfballtor gegen Torwart-Ikone Gianluigi Buffon, wertvolle Trikots und den Absturz des FC Schalke 04.

Herr Czyborra, wann waren Sie das letzte Mal beim Friseur?

Lennart Czyborra: Tatsächlich erst vor ein paar Tagen. Ich kann mir denken, worauf Sie hinauswollen.

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Gäbe es eine eigene Nationalmannschaft für Brandenburg, wären diese Spieler dabei ©

In Deutschland ist ein Friseurbesuch derzeit nicht möglich, der Corona-Lockdown wurde erneut verlängert. Wie ist die Situation in Italien?

Hier sinken die Infektionszahlen, letzte Woche durften auch Restaurants öffnen. Es herrscht auf den Straßen und in sämtlichen Läden zwar weiterhin Maskenpflicht, dennoch ist es schön, dass einige Lockerungen für etwas Normalität sorgen.

Im vergangenen Sommer wurden Sie positiv auf das Coronavirus getestet. Wie haben Sie die Krankheit erlebt?


Ich habe in meiner Zeit in Bergamo ja mitbekommen, welch riesigen Schaden dieses Virus anrichten kann. Mein Krankheitsverlauf war zum Glück sehr milde, ich hatte mich einen Tag etwas schlapp gefühlt und mein Geschmacks- und Geruchssinn waren weg. Insgesamt ging es mir aber eigentlich ganz gut.

Vor Saisonbeginn sind Sie von Atalanta Bergamo zum FC Genua verliehen worden. Wie war das erste halbe Jahr beim neuen Verein?

Es war die richtige Entscheidung, weil ich nun mehr Spielpraxis erhalte, auch unter dem neuen Trainer (Davide Ballardini folgte nach drei Siegen aus 15 Spielen kurz vor Weihnachten auf Rolando Maran, Anm. d. Red.). Ich wurde von der Mannschaft und vom Verein herzlich empfangen und habe selbst ein gutes Gefühl, hier den nächsten Schritt meiner Karriere zu machen.

Statt in der Champions League mit Atalanta Bergamo aktiv zu sein, kämpfen Sie in Genua um den Ligaverbleib. Ist das nicht ein Rückschritt?

Nein, auf keinen Fall. Was bringt es mir, zu einer vermeintlich stärkeren Mannschaft zu gehören, dort aber nur auf der Bank zu sitzen? Als junger Fußballer ist es wichtig, regelmäßig Einsätze zu bekommen, außerdem bin ich weiter in der höchsten Liga Italiens aktiv. Mit dem Wechsel habe ich alles richtig gemacht, in Bergamo hat mir die Perspektive gefehlt.

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Ist die Rückkehr ein Thema?

Aktuell nicht. Wenn die Leihe nach zwei Jahren endet, hat Genua auch eine Kaufpflicht. Von daher mache ich mir über eine mögliche Rückkehr keine Gedanken.

In der Serie A ist der FC Genua das Team der Stunde. Aus den letzten sechs Spielen wurden 14 Punkte geholt, man kassierte nur einen Gegentreffer. Warum ist ihre Mannschaft nach mäßigem Saisonstart so stark?

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Ich werde jetzt sicher nicht unsere Geheimformel preisgeben. Wir agieren aber anders als noch zu Saisonbeginn, sind aggressiver und spielen mehr Mann gegen Mann. Mit dem neuen Trainer kam nicht nur eine neue Taktik, sondern auch ein neuer Wind. Am Anfang mussten wir einige Partien bestreiten, obwohl es innerhalb der Mannschaft 15 oder 16 Corona-Positive gab. Diese Spieler standen zwei, drei Wochen nicht zur Verfügung, das hat uns viele Punkte gekostet.

Seit etwa mehr als einem Jahr sind Sie in Italien aktiv, haben aber noch kein Spiel mit Zuschauern bestritten. Kennen Sie überhaupt noch volle Stadien?

In den ersten Partien nach meinem Wechsel waren noch Zuschauer in Bergamo dabei, leider habe ich erst im Juli debütiert. Mit Fans im Stadion ist der Fußball nochmal was ganz anderes. Mir fehlt das Feedback von den Rängen nach einem gelungenen Tackling.

Im Pokalwettbewerb erzielten Sie ihr erstes Tor auf italienischem Boden, ausgerechnet Torwart-Legende Gianluigi Buffon konnten Sie per Kopfball überwinden. Was war das für ein Gefühl?

Es war befreiend, weil ich beweisen wollte, dass ich auch für ein Tor gut bin. Leider war es nur der Anschlusstreffer zum 1:2. Da heißt es, den Ball aus dem Netz zu nehmen und schnell zurück zum Anstoßpunkt.

In der Liga legten Sie jüngst nach.

Ja, beim 3:0-Sieg in Crotone. Ein Volleyschuss, den habe ich ganz gut getroffen.

Wertvolle Trikots im Schrank

Sie sind linker Verteidiger, haben dennoch einen ausgeprägten Offensivdrang. Wieviel haben Sie sich von Nationalspieler Robin Gosens bei Atalanta abgeguckt?

Natürlich habe ich bei Robin, der auf der gleichen Position spielt, etwas genauer hingeschaut. Die Gier, als Verteidiger nach vorne zu arbeiten, habe ich jedoch schon immer. Unser Spielstil ähnelt sich, mein Trainer erwartet auch von mir, dass ich, wenn der Ball vorne rechts ist, auf der anderen Seite bereitstehe.

Sie treffen regelmäßig auf Weltstars wie Cristiano Ronaldo, Zlatan Ibrahimovic oder Romelu Lukaku – kommt man mit denen ins Gespräch?

Auf dem Platz selbst rede ich nur mit meinen Mitspielern und bin fokussiert. Und wenn ich meinen Gegenspieler dreimal weggrätsche, dann wird danach auch nicht viel miteinander gesprochen (lacht). Aber klar, hin und wieder unterhält man sich. Bei Inter Mailand kam ich zum Beispiel mit Christian Eriksen ins Gespräch, wir hatten uns nebeneinander gedehnt. Am Ende des Tages sind das aber deine Gegner, nicht deine Freunde.

Sind Sie Trikotsammler?

Nach dem Spiel gegen Florenz habe ich mir das Jersey von Franck Ribéry gesichert, bei Juventus Turin habe ich das Trikot von Weston McKennie bekommen, mit dem ich bei Schalke in der Jugend zusammengespielt habe. Außerdem habe ich von Robin Gosens, Hans Hateboer, Remo Freuler, Marten de Roon und Berat Djimsiti, also früheren Mitspielern aus Bergamo, mit denen ich auch noch eine WhatsApp-Gruppe habe, jeweils ein Trikot im Schrank hängen.

Ihre Teamkollegen in Genua sind unter anderem der Schweizer Nationalspieler Valon Behrami und der Kroate Milan Badelj, der einst für den Hamburger SV aktiv war. Sind das wichtige Ansprechpartner für Sie?

Ich lerne zwar fleißig Italienisch und habe zweimal die Woche Unterricht, aber auf jeden Fall sind Valon und Milan eine große Hilfe. Wenn ich im Training etwas nicht verstehe, erklären Sie es mir auf Deutsch. Ich mache aber wie gesagt große Fortschritte, höre die Sprache ja auch jeden Tag, was sehr hilfreich ist. Bei Atalanta hatte ich in den ersten Monaten noch größere Probleme.

Schalke-Absturz "extrem schade"

Sie haben es bereits erwähnt: Im Nachwuchs spielten Sie für Union Berlin, Hertha BSC, Energie Cottbus, unter anderem aber auch für Schalke 04. Wie sehr verfolgen Sie die aktuelle Situation in Gelsenkirchen?

Ich schaffe es nicht, jedes Spiel zu gucken, da wir oft zeitgleich im Einsatz sind. Aber natürlich fiebert man mit und verfolgt seinen alten Club. Es ist schon traurig, was dort grad passiert. Der Verein hat eine große Geschichte, ein Abstieg in die 2. Liga wäre extrem schade.

Würde ein Lennart Czyborra den Königsblauen weiterhelfen?

Das weiß ich nicht, sowas möchte ich auch nicht beurteilen. Man sieht ja an den Wintertransfers aus der Premier League oder Klaas-Jan Huntelaar von Ajax Amsterdam, dass damit nicht automatisch die Erfolge zurückkehren. Wenn der Wurm drin ist, dann ist er eben drin.

Wann darf man Sie in der Bundesliga erwarten?

Es ist ein Ziel von mir ist, in der Bundesliga zu spielen. Es wäre aber falsch, mir selbst Druck zu machen. In Genua fühle mich derzeit gut aufgehoben.

Ihr Bruder Michael (23) spielt in der Regionalliga Nordost für die VSG Altglienicke. Stehen Sie in Kontakt?

Sogar täglich, uns ist das sehr wichtig, voneinander zu hören und zu wissen, dass es dem anderen gut geht. Es ist bitter, dass die Regionalliga derzeit pausiert, Fußball macht ihm genauso viel Spaß wie mir. Er hält sich selbstständig fit und hat vom Verein einen Trainingsplan.

Wann waren Sie das letzte Mal in ihrer Heimat Wandlitz?

Über Weihnachten konnte ich ein paar Tage bei meiner Familie sein. An Heiligabend bin ich nach Berlin geflogen, weil wir am 23. Dezember natürlich noch ein Auswärtsspiel bestreiten mussten. Das war der Klassiker. Am 27. Dezember ging es schon wieder zurück.