01. August 2021 / 22:44 Uhr

Tennis-Star Zverev bricht Titel-Bann: Wie er die "beste Woche seines Lebens" erlebte

Tennis-Star Zverev bricht Titel-Bann: Wie er die "beste Woche seines Lebens" erlebte

Jens Kürbis
Lübecker Nachrichten
Tennis-Ass Alexander Zverev hat Gold für Deutschland geholt.
Tennis-Ass Alexander Zverev hat Gold für Deutschland geholt. © dpa (Montage)
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Mit seiner Goldmedaille bei Olympia hat Tennis-Star Alexander Zverev seinen Skeptikern gezeigt: Er kann auch große Turniere gewinnen. Nebenbei stellte der 24-Jährige in Deutschland auch Sympathien wieder her. Nun will er als Vorbild taugen.

Wie er die neun Spiele in elf Tagen verkraftet hätte, wurde Alexander Zverev gefragt. Man merkte, wie es in ihm arbeitete. Sein Olympiasieg war wenige Minuten alt. Angekommen war die Erkenntnis darüber noch nicht so richtig. Zverev bekannte: "Ich weiß gar nicht, wie ich auf all die Fragen antworten soll. Es gibt momentan wenige Menschen, die glücklicher sind als ich. Ich habe so ein goldenes Ding um den Hals rum, und das ist nicht eine von den 50 Ketten, die ich normalerweise trage. Wie ich gespielt habe, was ich gemacht habe, interessiert mich alles nicht. Ich habe die Goldmedaille, und morgen fliege ich damit nach Hause."

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Zverev hatte es geschafft, den Russen Karen Chatschanow mit 6:3, 6:1 vom Court gefegt, Olympiagold gewonnen. Eine Medaille mit historischer Dimension. Steffi Graf hatte 1988 in Seoul triumphiert, der Hamburger ist der erste deutsche Olympiasieger im Männer-Einzel. "Es war die beste Woche meines Lebens“, sagte er. "Ich habe für alle Leute hier im Dorf gespielt. Für alle, meine Familie, meine Eltern, meine Tochter, alle, die zu Hause mitgefiebert haben. Für mich ist es ein unglaubliches Gefühl gerade." Die Medaille will er erst wieder abnehmen, wenn er zu Hause ist.

Männertennis in Deutschland – das war in den vergangenen Jahrzehnten Boris Becker und mit Abstrichen Michael Stich. Doch selbst diese Legenden, die 1992 im Doppel gemeinsam Gold holten, haben nicht geschafft, was dem Hamburger nun in Tokio gelungen ist.

Zverev hat mit seinem Auftreten in Tokio Sympathien gewonnen

Für Zverev, dem ein Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier bisher vergönnt war, bietet sich nun eine weitere Chance: Er kann sich nach zahlreichen Eskapaden mit dem ihm gegenüber skeptischen Publikum in Deutschland versöhnen. Mit dem Sensationssieg gegen den Dominator des Männertennis, Novak Djokovic, hatte er dafür den Grundstock gelegt. Es waren die Reaktionen danach, die ihn ins Herz vieler spielten, die zuvor mit dem Wahl-Monegassen gefremdelt hatten. Zverev hatte minutenlang auf dem Court gesessen, seine Tränen im Handtuch verborgen. "Ich habe jetzt eine Medaille für Deutschland geholt und das bei Olympia. Das ist ein unglaubliches Gefühl." Sätze, die man so von ihm noch nie gehört und auch nicht erwartet hatte.

Denn das Thema Heimat ist bei ihm diffus: Geboren in Hamburg, Sohn russischer Eltern, ist er ein Kosmopolit. Der Tennis-Jetset ist sein Zuhause. Der 24-Jährige, von Experten früh als künftiger Weltranglistenerster prognostiziert, hat schon mehr als 25 Millionen Euro an Preisgeld verdient. Doch seine Steuern zahlt er in Monaco. Was verbindet ihn mit seinem Geburtsland? "Ich lebe jetzt seit ein paar Jahren in Monte Carlo. Ich bin dort gern. Aber meine Heimat bleibt immer Hamburg", sagte er dem Stern vor einigen Jahren. Den Auftritt bei den Olympischen Spielen in Rio hatte er indes 2016 abgesagt, die Teilnahme am Davis Cup boykottierte er zuletzt, weil er den Modus nicht mag.

Offenbar hat Zverev nun an Bodenhaftung gewonnen. Und wenn er mit Bundesadler auf dem Stirnband sagt, dass Olympia für ihn das Größte sei, er seine Aussagen von früher revidieren müsse, klingt das glaubwürdig. Der millionenschwere Profi schläft wie alle anderen in den kargen Appartements im Olympischen Dorf. Das musste er nicht, doch das wollte er so. Er hatte nach seinem Sieg auch keine Lust, über die nächsten Grand Slams zu reden. "Hallo, ich habe gerade die Olympischen Spiele gewonnen!"


Becker gratuliert: Dein größter Titel (bis jetzt)

Mit dem Erfolg im Rücken sieht er sich jetzt auf einer Mission. "Ich möchte, dass kleine Kinder zu ihren Eltern gehen und sagen, ich möchte Tennis ausprobieren. Das ist schon wichtig für mich. Weil ich diese Sportart liebe. Ohne Tennis wäre ich auch nicht wirklich jemand", sagte er und verabschiedete sich in die Nacht. Jedem war klar: In den vergangenen Tagen hat Zverev einen großen Schritt gemacht. Wenn es so weitergeht, dürften sich bald einige Tennis-Youngster mit "Sasha" als Vorbild finden. Und ein ganz Großer ist sich da sicher: "Dein größter Erfolg (bis jetzt), genieße den Moment und lass dich von ganz Deutschland feiern", gratulierte Boris Becker in einem Instagram-Post.