24. Februar 2021 / 10:24 Uhr

Tennisspieler Tim Fritzges: „Die Saison mit Michael Stich war ein Highlight“

Tennisspieler Tim Fritzges: „Die Saison mit Michael Stich war ein Highlight“

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Tim Fritzges stand als Tennisspieler auf dem Sprung auf die internationale Bühne.
Tim Fritzges stand als Tennisspieler auf dem Sprung auf die internationale Bühne. © privat
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Tennis: Saalower über seine Zeit als Tennisprofi, ein Lob von Nick Bollettieri und Trainingsmatches mit Mirjana Lucic.

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Tim Fritzges aus Saalow war auf dem Sprung in die internationale Tenniswelt, als ihn Verletzungen stoppten. Im Interview spricht der 38-Jährige, der als hauptamtlicher Cheftrainer beim TC Friedrichshagen arbeitet und trotz Diabetes Mellitus auf Rang 144 der deutschen Rangliste vorstieß, über eine Saison mit Michael Stich in Hamburg, ein Lob von Nick Bolletieri, ein Comeback beim TC Mahlow und Trainingsmatches neben Monica Seles.

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Herr Fritzges, in ihrer Vita bei Orange-Weiß Friedrichshagen steht eine Liste von Trainerlizenzen, die so lang ist wie ein Fünfsatzmatch – warum mussten Sie in der vergangenen Woche noch eine Prüfung ablegen?

Tim Fritzges: Ich habe einen Abschluss als Fitnesscoach gemacht. Ich wollte die Zeit während der Corona-Pandemie nutzen, um diesen Schein zu machen, weil wir derzeit nur eingeschränkt trainieren können. Es ist gut, auch in diesem Bereich auf dem neuesten Stand der Dinge zu sein, denn auch auf diesem Gebiet ist die Betreuung der Spieler sehr, sehr wichtig.

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Sie sind selber weit gekommen, dazu später mehr – wie hat alles angefangen?
Mein Vater hat schon Tennis gespielt, er war großer Björn-Borg-Fan. Ich bin durch Boris Becker zum Sport gekommen, er hat mich sehr begeistert. Seine Spiele im Fernsehen haben mich gefesselt. Ich habe zunächst mit Freunden mit Plasteschlägern und Schaumstoffbällen gespielt – auch in der Wohnung, bis meine Mutter so genervt war, dass sie meinen Vater aufgefordert hat, mich beim Sport anzumelden. Ich habe dann mit knapp acht Jahren angefangen, im Verein Tennis zu spielen. Damals war das vom Alter her noch okay, wenn man weit kommen will, heute wäre das steinalt.

Wann beginnen Kinder, die weit kommen sollen, heute mit dem Tennis?
Sie beginnen spätestens mit vier bis fünf Jahren mit der Ballschule und richtig tennisspezifisch mit fünf Jahren. Das hat sich sehr gewandelt, auch, weil es Schläger und Griffgrößen für die ganz Kleinen gibt.

Wie ging es dann bei Ihnen weiter?
Ich bin schnell in die Spitze in Berlin-Brandenburg vorgestoßen und habe mit den Berliner Bären um die Stadtmeisterschaft gespielt – das Duell wurde übrigens auf dem berühmten Centercourt des LTTC Rot-Weiß im Grunewald ausgetragen. Ich habe dann aber tatsächlich eine Sinnkrise bekommen und mit Tischtennis begonnen. Ich bin sogar Bezirksmeister geworden, habe Volleyball gespielt und Fußball im Verein. Nach einer zweijährigen Pause habe ich mit 13 Jahren beim TC Mahlow wieder mit dem Tennis begonnen, mich schnell im Verein etabliert und parallel meine Laufbahn als Trainer begonnen. Im letzten Jahr beim TCM war ich schon als Jugendtrainer im Einsatz. Ich hatte dann Glück, dass ich zufällig in einem Camp in der europäischen Außenstelle der Nick-Bollettieri-Academy in Süddeutschland trainierte. Ich habe mich in dieser Woche enorm verbessert, durfte noch einmal wiederkommen und bekam dann sogar die Möglichkeit, in den Herbstferien in die Zentrale der Academy nach Florida zu reisen. Das war natürlich ein Riesenerlebnis, beispielsweise neben Monica Seles oder mit Mirjana Lucic zu trainieren, die kurz zuvor gegen Steffi Graf das Wimbledon-Halbfinale 1999 verloren hatte.

Sportliche Schlüsselerlebnisse?
Ja, dass war sensationell – ich habe riesige Entwicklungssprünge gemacht, ein Angebot der deutschen Bollettieri-Academy mit vergünstigten Konditionen bekommen und war dann dort drei Jahre als Spieler. Viel Training, viel Arbeit – es war eine harte, aber schöne Zeit im Internat. Nebenbei habe ich ein Trainerpraktikum gemacht, auch, um mir das Camp finanzieren zu können und vielleicht eine berufliche Perspektive zu eröffnen. Nach vier Jahren habe ich dann die Academy verlassen und auf eigene Faust weitergemacht.

Vermutlich ein großer Umbruch: Raus aus dem betreuten Trainieren und auf eigenen Tennisschuhen stehen?
Ja, aber ich wollte viele Turniere spielen und habe mir selber einen Coach gesucht, Trainingspartner und einen Fitnesstrainer – was halt so ging mit einem schmalen Taler. Es hat funktioniert: Ich habe mich dann relativ schnell nach oben gespielt in der deutschen Rangliste, bis in die nationale Top-150 und versucht, in der Weltrangliste anzugreifen.

Wie ist es gelaufen?
Ich war zumindest auf dem Weg und habe Gegner geschlagen, die zwischen 400 und 800 in der Welt standen. Ich habe beispielsweise gegen Philipp Kohlschreiber gespielt, das war natürlich ein Highlight – ich hatte aber als Serve-und-Volley-Spieler gegen ihn auf Sand keine Chance. Auch gegen Karsten Braasch bin ich angetreten.

Wie dicht waren Sie am Niveau dieser Spieler?
Gegen Karsten Braasch, immerhin zu seinen besten Zeiten Nummer 38 in der Welt und Worldteam-Cup-Gewinner, stand ich immerhin kurz vor einem Satzgewinn. Es war auf jeden Fall die Phase, aus denen meine Karriere-Highlights stammen. Ich habe in der Regionalliga für den Uhlenhorster HC in Hamburg mit Michael Stich, Tobias Kamke und Axel Pretzsch gespielt und beispielsweise das Vorbereitungstraining für die Australian Open mit Yuri Schukin, ehemals 120 der ATP-Weltrangliste, absolviert. Mit einer Erfolgsserie von 18 siegreichen Spielen in Folge habe ich drei Turniere am Stück gewonnen. Auch Alexander Zverev hat für den gleichen Hamburger Club gespielt, ich habe hautnah die Entwicklung des jetzigen Weltstars miterlebt.

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Brandenburgs Sportler des Jahres seit 1998. ©

Was für ein Typ war Michael Stich?
Er ist ein Supertyp, ganz entspannt und er hat richtig was drauf. Michael Stich hat übrigens auch im höheren Tennisalter den Ball sehr gut getroffen. Viele Stars waren sehr entspannt und nett. Am meisten beeindruckt hat mich aber Nick Bollettieri. Er hat eine Ausstrahlung, wie man sie kaum ein zweites Mal erlebt und die Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen. Man ist gebannt und klebt an seinen Lippen. Vieles von dem, was er gesagt hat, hat für mich heute noch einen sehr hohen Stellenwert.

Zum Beispiel?
Wirkliche Athleten finden immer Lösungen und Gründe, etwas zu tun, Verlierer finden immer Ausreden, etwas nicht zu tun. Er hat auch gesagt, ich müsse Ruhe in mein Spiel bringen, aber ich wäre ein Athlet – die US-Amerikaner unterscheiden zwischen Sportler und Athleten. Das Lob hat mich natürlich sehr gefreut. Mein Spiel war tatsächlich damals zu hektisch, aber er hat es sofort erkannt und wir konnten daran arbeiten.

Konnten Sie nach der Zeit nach der Academy vom Tennis leben?
Nein, das konnte ich nicht. Ich würde sagen, um vom Tennis leben zu können, muss man eigentlich unter den ersten 100 der Welt stehen – oder aber man grast die lokalen Ranglistenturniere ab. Finanziell zu überleben ist aber auf dieser Ebene sehr schwierig: Das lohnt sich bei den kleinen Turnieren meistens nur, wenn man ins Finale kommt oder gewinnt. Ich habe mal für einen Sieg 750 Euro bekommen, das war natürlich super – soviel Geld für Tennis spielen. Im Halbfinale aber gibt es noch vielleicht 200 Euro, das reicht gerade mal für Essen und Hotelkosten. Im Sommer, wenn ich für einen Club Ligaspiele bestritten und viele Turniere gespielt habe, ging es zwei Jahre lang etwas besser, da gab es bis zu 500 Euro für ein Match – damit konnte man planen und die nächsten Turnierreisen finanzieren.

Dann aber geriet der Aufstieg ins Stocken. Warum?
Eine der Ursachen war meine Pause in der Jugend, das hat dazu geführt, viel aufholen zu müssen – das wiederum hat teilweise meinen Körper strapaziert. Ich habe Diabetes mellitus eins, aber das war kein Problem. Das Aus kam letztendlich durch eine leichte Fehlstellung der Hüften, die aber beim Hochleistungssport gravierende Folgen hat und enormen Verschleiß verursacht. Am Ende konnte ich nur noch unter Schmerzen und teilweise mit Schmerzmitteln spielen.

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Inzwischen arbeitet Tim Fritzges als hauptamtlicher Trainer beim TC Orange-Weiß Friedrichshagen.
Inzwischen arbeitet Tim Fritzges als hauptamtlicher Trainer beim TC Orange-Weiß Friedrichshagen. © privat

Das muss eine sehr schwierige, bittere Zeit gewesen sein?
Ja natürlich. Ich musste mir schweren Herzens eingestehen, dass ich meinen großen Traum nicht weiterverfolgen kann, dass es nicht weitergeht – auch vier Hüftoperationen haben daran nichts geändert.

Wie ging es nach diesem tiefen Einschnitt weiter?
Mich hat das sehr mitgenommen, ich wollte erst mal einen klaren Schnitt machen und Abstand gewinnen. Ich habe eine kaufmännische Laufbahn eingeschlagen, ich komme ja aus einer Familie, die Erlebnisgastronomie und Hotellerie betrieben hat. Ich habe dann ein Restaurant in Hamburg betrieben.

Eine völlig andere Richtung, mal vom Thema Ernährung abgesehen.
Ja, aber das wollte ich ja auch, neue Erfahrungen sammeln, mich unternehmerisch weiterentwickeln.

Trotzdem sind Sie zurück auf den Tennisplatz gekehrt.
Zum Glück. Freunde haben mich motiviert, wieder anzufangen. Ich habe dann beim TC Friedrichshagen, wo ich eine Saison gespielt hatte und die Kameradschaft sehr gut ist, einen Neustart gewagt. Erst als freiberuflicher Trainer, dann habe ich kontinuierlich mehr Aufgaben übernommen im Verein – inzwischen bin ich festangestellter Cheftrainer und für die Entwicklung des Nachwuchses zuständig.

Das erfüllt Sie?
Ja. Es macht mir großen Spaß, mit Talenten zu arbeiten und meine Erfahrungen weiterzugeben. Wir wollen die Nachwuchsspieler nicht verheizen, das ist mir sehr wichtig. Wir wollen unsere Platzressourcen erweitern und sind in Gesprächen mit dem Senat. Unser Ziel ist es ein Nachwuchszentrum aufzubauen. Als Bezirksstützpunkt eingestuft zu werden, wäre dann sehr realistisch. Ich bin sehr froh, dass ich den richtigen Platz für mich gefunden habe – und wenn es nötig ist, trete ich auch selber noch in der Ostliga bei Punktspielen an.