12. Oktober 2020 / 18:32 Uhr

Unions Taiwo Awoniyi ist der Leiharbeiter der Liga

Unions Taiwo Awoniyi ist der Leiharbeiter der Liga

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Endlich im roten Trikot: Nur würde Taiwo Awoniyi (l.) lieber das Jersey des FC Liverpool als jenes des 1. FC Union tragen.
Endlich im roten Trikot: Nur würde Taiwo Awoniyi (l.) lieber das Jersey des FC Liverpool als jenes des 1. FC Union tragen. © Bernd Thissen/dpa
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Eigentlich will der Fußballprofi am liebsten für den FC Liverpool stürmen - doch die Reds leihen Awoniyi seit 2015 ununterbrochen aus. In dieser Saison spielt der 23-Jährige für Union Berlin - und damit im Leihhaus der Liga.

Steile Thesen zum Fußballgeschehen hat Chantal Hofmann bislang eher selten formuliert, zumindest nicht öffentlich. Und auch das, was die Frau des Karlsruher Stürmers Philipp Hofmann jüngst von sich gab, dürfte kaum jemanden überraschen.

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Dafür fiel ihr Statement zum geplatzten Wechsel ihres Mannes zum Bundesligisten Union Berlin allerdings umso deutlicher aus: „Fußball ist ein moderner Menschenhandel“, teilte Chantal Hofmann über die sozialen Medien mit, und dürfte damit in erster Linie das Profifußballgeschäft gemeint haben. Viele Entscheidungen würden über den Kopf des Spielers hinweg gefällt – ohne dessen Emotionen zu berücksichtigen.

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Alle Zu- und Abgänge von Union Berlin für die Saison 2020/21: ©

Weil der Liebling von Chantal Hofmann in diesem Transfersommer respektive -herbst nicht zum 1. FC Union wechseln durfte, holten die Berliner einen Mann namens Taiwo Awoniyi. Und auch der könnte wie Chantal Hofmann trefflich über modernen Menschenhandel klagen, wenn er denn wollte. Seit 2015 wurde der inzwischen 23-Jährige in Dauerschleife von Verein zu Verein weitergereicht, kam an und ging wieder, nie blieb er länger als ein Jahr, manchmal auch nur ein halbes. „Es liegt nicht an mir, das zu entscheiden, meine Arbeit findet auf dem Platz statt – den Rest erledigt mein Berater“, sagt Awoniyi.

Die Wander-Geschichte des Angreifers beginnt im August 2015. Wie so viele Kinder und Jugendliche in Nigeria träumt auch Awoniyi von einer Vertragsunterschrift bei einem europäischen Topclub. Mit 18 Jahren erfüllt sich der Wunsch, der FC Liverpool verpflichtet den Stürmer von der Imperial Academy, einer Fußballschule in Lagos. Doch wirklich angekommen ist Awoniyi dort nie. Sein Name taucht zwar in der Gehaltsliste auf, ein Spiel für den englischen Meister hat Awoniyi in über fünf Jahren noch nicht gemacht. Natürlich nicht. Jahr für Jahr hat ihn der FC Liverpool an andere Clubs verliehen, zuerst an den FSV Frankfurt, zuletzt an Union Berlin.

„Das Beste für mich ist, mich außerhalb Englands als Spieler weiterzuentwickeln“, sagt Awoniyi auch heute noch. Nachdem ihn Liverpool zwischenzeitlich in Belgien und den Niederlanden parkte, schickt der Club ihn in dieser Transferperiode bereits zum siebten Mal weg. „Es war hart, immer woanders zu spielen. Aber so ist es im Leben: Manchmal läuft es gut, manchmal nicht“, sagt Awoniyi. Nach außen lässt er sich wenig anmerken, nimmt sie hin, die pausenlose Hatz von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von Stadt zu Stadt. Die Frage bleibt offen, was die ständigen Wechsel mit einem Spieler machen, der nie ankommt.

„Wenn Vereine einen aber immer wieder weiterreichen, kratzt das am Selbstvertrauen“

Ein Anruf in Köln, wo Sportpsychologin Jeannine Ohlert (45) lehrt. „Für junge Spieler ist es selbstverständlicher, dass häufige Wechsel zum Profifußball eben dazugehören“, sagt Ohlert, deren Forschungsschwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung ist. Speziell Leihmodelle wie jenes, das der FC Liverpool seit fünf Jahren mit Awoniyi praktiziert, sieht sie aber kritisch und warnt vor den Folgen – vor allem für Spieler. „Wenn Vereine einen aber immer wieder weiterreichen, kratzt das am Selbstvertrauen.“ Der Mensch habe das Grundbedürfnis, sich kompetent zu fühlen. „Für jeden Spieler, der wechseln muss, ist das jedes Mal ein Schlag gegen dieses Grundbedürfnis, weil der Verein signalisiert, dass der Spieler nicht kompetent genug ist“, sagt Ohlert.


Auch Awoniyi wird wissen, dass er in Liverpool keine Chance bekommen dürfte, zu groß ist die Konkurrenz im Sturm. Öffentlich sagt er etwas anderes, spricht davon, das Beste aus der Situation machen zu wollen, davon, dass es zwar schwer sei, er mit Trainer Jürgen Klopp aber im Austausch stehe und die Premier League sein großes Ziel sei.

Awoniyi will sich auch in Berlin reinhängen, „so viele Tore für den Club schießen, wie ich kann“, um im Blickfeld zu bleiben. Bis Juni 2023 läuft laut transfermarkt.de sein Vertrag in Liverpool. „Die Clubs sollten die Spieler mehr als Person wahrnehmen, weniger als Kapitalanlage“, fordert Ohlert. Bei Awoniyi dürfte es Liverpool aber vor allem darum gehen, den Verlust in Grenzen zu halten. Deshalb die vielen Leihgeschäfte, die Gehalt sparen.

In der vergangenen Saison spielte Awoniyi noch für den FSV Mainz 05 (zwölf Spiele, ein Tor), nun also für Union, wo die Dauer-Leihgabe auf den diesjährigen Leihmeister der Liga trifft. Mehr als fünf Spieler, die eigentlich woanders vertraglich gebunden sind, hat kein anderer Bundesligist im Kader stehen.

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„Wir haben nicht die Möglichkeiten, die Spieler momentan zu verpflichten“, sagt Unions Manager Oliver Ruhnert. Trotzdem seien die Jungs voll integriert. Entscheidend sei, dass sich die Spieler zu 100 Prozent mit der Sache und dem Verein identifizierten. Psychologin Ohlert sagt: „Bei Leihmodellen ist das Problem, dass die Spieler erst gar nicht versuchen, Wurzeln im neuen Umfeld zu schlagen.“

Bei Union will Ruhnert trotzdem probieren, Awoniyi das Gefühl zu geben, ein „wichtiger Baustein“ auf dem Weg zum erneuten Klassenverbleib werden zu können. Wohin die Reise den Stürmer danach führt, weiß auch er nicht. Und Chantal Hofmann erst recht nicht. Ihr Ehemann könnte im nächsten Jahr aber die Lücke schließen, die Taiwo Awoniyi dann auch bei Union hinterlassen wird.