14. April 2021 / 07:20 Uhr

„Unverhältnismäßiger Aktionismus“: NOFV-Präsident Winkler hadert mit der Politik

„Unverhältnismäßiger Aktionismus“: NOFV-Präsident Winkler hadert mit der Politik

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Hermann Winkler ist Präsident des NOFV und SFV.
Hermann Winkler ist enttäuscht, dass es von den Politikern nie klare Aussagen bezüglich der Amateurvereine gibt. © dpa-Zentralbild
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Der NOFV- und SFV-Präsident Hermann Winkler spricht im Interview mit dem SPORTBUZZER über Fußball und Corona, den Saisonabbruch in der Regionalliga und plädiert für Ralf Rangnick als Bundestrainer.

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Leipzig. Am Freitag und Samstag werden die Präsidien des Nordostdeutschen und des Sächsischen Fußball-Verbandes über die laufende Saison entscheiden – ein Abbruch des Spielbetriebes gilt als alternativlos. In beiden Verbänden fungiert der Grimmaer Hermann Winkler als Präsident. Scherzhaft spricht der 57-Jährige von der „Woche der langen Messer“. Vorab stellte er sich den Fragen des SPORTBUZZER. Schwerpunktthema: die Probleme des Sports in der Pandemie.

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SPORTBUZZER: Sie haben wie andere Sportvertreter den Satz gesagt: „Wir sind in der Pandemie Teil der Lösung – nicht Teil des Problems.“ Was sagt die Politik dazu?

Winkler: Leider gibt es aus der Politik nicht die erhofften Antworten. Erst diese Woche hat eine Studie wieder belegt: An der frischen Luft sind Aerosole und damit das Virus kaum bis gar nicht übertragbar. Es ärgert uns, dass Politik den Sport nicht richtig berücksichtigt. Die Antwort wäre, den Sport zuzulassen. Es gibt keine belegten Beispiele, dass der Sport ein Treiber der Pandemie ist.

Wäre Sport in kleinen Gruppen unter Anleitung die Lösung?

Absolut. 93 Prozent aller Vereine haben – meist ehrenamtlich – Hygienekonzepte entwickelt, die sie nicht umsetzen dürfen. Da wurde viel Geld und Kraft für nichts aufgewendet. Das tut weh. Von Übungsleitern durchgeführte Passspiele, Torschusstraining oder Dribblings um Hütchen oder auch Spiele vor wenigen Zuschauern müssten doch ohne Infektionsgefahr möglich sein. So weichen viele unkontrolliert in den Park aus oder – noch schlimmer – sie treffen sich drinnen, wo die Infektionsgefahr viel höher ist. Man treibt Menschen mit unlogischen Verboten in die Enge. Ich sage: Nicht die Pandemie hat dem Sport geschadet, sondern der unverhältnismäßige Aktionismus der Politik.

Immer wieder vertröstet

Vereine mit Profistatus dürfen spielen. Warum ist dies in der Regionalliga nur in zwei Staffeln gelungen – im NOFV jedoch nicht?

Wir sind abhängig von den Entscheidungen der Bundesländer. Die Regionalliga West spielt komplett in Nordrhein-Westfalen, dort sind 15 Millionen Euro Landeshilfe geflossen. Die Regionalliga Südwest hatte Glück, dass die Zustimmung von allen beteiligten Bundesländern kam. Im Osten muss ich Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen loben. Nur Berlin hat keine Genehmigung erteilt. Die Zahlen seien zu hoch, alles sei schwierig.

Obwohl Berlin gar keine wesentlich höhere Inzidenz hatte?

Trotzdem haben sie so argumentiert und uns immer vertröstet. Die Situation war zermürbend und nicht planbar. Es gab nie klare Aussagen, man hat sich von Lockdown zu Lockdown, von Konferenz zu Konferenz gehangelt. Da ist eine Perspektivlosigkeit entstanden. Bis auf den BFC wollten die Berliner Vereine spielen. Wir hatten dann die Überlegung, die Berliner Klubs zu Auswärtsspielen zu verdonnern. Aber in der Verordnung stand, unnötige Reisen sind zu unterlassen ...

Das klingt unlogisch, weil Berliner Teams in anderen Sportarten am Spielbetrieb teilnehmen. Was fällt Ihnen dazu ein?

Wir sind abhängig von Virologen und Politikern. Das sind politische Entscheidungen, die man nicht verstehen muss. In Sonntagsreden der Politik wird der Stellenwert des Sports als wichtig angepriesen. Im Endeffekt sieht man jetzt, welchen Stellenwert er wirklich hat.

Zwitterposition

Hatten Sie immer den Überblick, was in der Pandemie wo erlaubt ist?

Um ehrlich zu sein: nie.

Es klingt, als seien Sie kein Freund des Föderalismus?

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Was die Pandemie-Bekämpfung betrifft, stimmt das. Dass der Bund jetzt einheitlich durchgreifen will, hätte vor einem Jahr passieren müssen. Dann stünden wir jetzt besser da.

Es schien aber, dass viele Regionalligisten aus finanzieller Sicht gar nicht böse waren, dass nicht gespielt wird...

Für viele Vereine wäre es tatsächlich schwierig geworden, die Spieler aus der Kurzarbeit zu holen. Wir haben eine Zwitterposition. Wir kommen nicht an Landeshilfen, da diese für gemeinnützige Vereine gedacht ist. Die Spielbetriebs GmbHs sollten Anträge bei den Bundesförderprogrammen stellen, wo sie auch leer ausgegangen sind. Hinzu kommt die fehlende Wirtschaftskraft im Osten. Die Sponsoren unserer Vereine sind Mittelständler und selbst von der Pandemie betroffen. Das alles hat bei mir dazu geführt, dass ich mich gefragt habe: Soll ich weiterkämpfen? Oder gar klagen? Letztlich ist es uns lieber, die Vereine langfristig finanziell zu sichern als kurzfristig den Ball rollen zu lassen. Außerdem haben wir die Gesamtsituation im Blick behalten. Künstler, Gastronomen, Einzelhändler haben es wesentlich schwerer als Viertligafußballer. Deshalb ist es richtig, die Regionalligasaison zu beenden.

Zuschauer realtisch?

Sie können die Zeit nun nutzen, die neue Saison zu planen. Wie sieht der Masterplan aus? Drohen 23 Mannschaften in der Regionalliga?

Zwickau scheint in Liga drei gerettet, nun drückt der NOFV dem HFC und Magdeburg die Daumen. Dann wären es bei einem Aufsteiger (Viktoria Berlin – d.A.) und einem Absteiger (Bischofswerda) 20 Teams wie in dieser Saison, wenn zwei Oberligisten hoch kommen (Eilenburg und Tasmania Berlin). Das wäre machbar. Um den Spielplan zu entzerren, wollen wir eventuell im Juli zwei Wochen früher anfangen.

Mit Zuschauern?

Noch nicht mit voller Hütte, aber es wäre wichtig, 30 oder 50 Prozent zuzulassen. Mir schwebt vor, dass wir mit der Regionalliga in ähnlicher Weise ein Pilotprojekt starten wie es die DHfK-Handballer anstreben.

Wie realistisch ist das ?

Wir haben den Grundoptimismus, dass es klappt. Wir hoffen auf die Sonne und vertrauen darauf, dass das Impfen endlich funktioniert.

Welche Rolle kann der Sport nach der Pandemie einnehmen?

Wir haben im Moment eine gespaltene Gesellschaft. Die Menschen sehnen sich nach Solidarität und Zusammenhalt. Das bieten unsere Sportvereine.

Wie einfach ist es, Interessenvertreter der Vereine beim DFB und gegenüber der Politik zu sein? Ist denn die dafür nötige Einigkeit bei den Vereinen da?

Außer bei Fragen nach Aufstieg oder Abstieg ist sie da. Bei diesem Thema sehen viele Vereine oft erst mal ihre eigenen Belange. Ansonsten wollen die Klubs und die Verbände das Gleiche: Wir wollen Fußball spielen und insbesondere wieder den Nachwuchs fördern.

Rangnick als Nachfolger für Löw?

Sie sitzen als NOFV-Chef zugleich im DFB-Präsidium. Welche Lobby haben die Amateurvereine dort?

Die ist sicher ausbaufähig. Die Außenwirkung des DFB ist zurzeit nicht vertrauensbildend. Amateure und Profis müssen gemeinsam den Fußball voranbringen. Dabei ist jedoch Führung gefragt. Die Amateure erwarten zu Recht, dass die Streitereien beendet werden. Die Nationalmannschaft ist ja Aushängeschild des DFB und auch Zugpferd für Amateure. Deswegen muss endlich klar Schiff gemacht werden. Alle müssen sich zusammenraufen.

Ist Oliver Bierhoff der richtige Mann für einen Neuanfang?

Er hat 17 Jahre mit Jogi Löw zusammengearbeitet. Das sagt alles. Ich hoffe, dass seine Personalvorschläge zum Bundestrainerposten im Präsidium ausgewertet werden und dass wir dabei Alternativen haben.

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Wer wäre Ihr Favorit?

Ralf Rangnick sollte schon in die engere Wahl genommen werden.

Warum?

Es geht auch um Nachwuchsarbeit und um die Verzahnung zwischen Nachwuchs und A-Auswahl. Dafür bringt Rangnick alles mit. Dass er strategisch der richtige Mann ist, hat er oft bewiesen – vor allem in Hoffenheim und bei RB Leipzig. Und er kommt nicht aus dem DFB-Dunstkreis.

Interview: Frank Schober, Uwe Köster, Antje Henselin-Rudolph, Nico Schmook