21. April 2022 / 16:41 Uhr

"Verlieren tut keiner gern": Wie Union Berlin das Pokal-Aus verdaut

"Verlieren tut keiner gern": Wie Union Berlin das Pokal-Aus verdaut

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
BERLIN, GERMANY - APRIL 01: Urs Fischer, Head Coach of 1.FC Union Berlin looks on prior to the Bundesliga match between 1. FC Union Berlin and 1. FC Köln at Stadion An der Alten Foersterei on April 01, 2022 in Berlin, Germany. (Photo by Boris Streubel/Getty Images)
Trauerhelfer Fischer: Der Berliner Trainer muss seine Elf wieder aufrichten. © 2022 Getty Images
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Auf denkbar dramatische Weise hat Union Berlin das Halbfinale im DFB-Pokal in Leipzig verloren – die Trauerarbeit muss Trainer Fischer schnell bewältigen, am Samstag geht es schon wieder zu RB.

Als alles vorbei war, das Spiel verloren und die Pokalsaison beendet, da schritt Urs Fischer nochmal quer über den Rasen des Leipziger Stadions, leicht gebeugt, den Blick nach unten gerichtet, die Hände tief in den Taschen seines schwarzen Mantels vergraben, während rings um ihn herum der Sound der Sieger hämmerte. Der Fußballtrainer des 1. FC Union Berlin hörte, wie der RB-Stadionsprecher schrill in sein Mikro schrie, sah, wie die RB-Spieler über den Rasen tanzten und einmal, da zuckte er kurz zusammen, als ein Böller aus dem Union-Block die Stille im Berliner Lager zerriss.

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Was fühlt ein Fußballtrainer in solchen Momenten? Wenn er die einen feiern sieht, während die Seinen leiden. Wenn er sich nichts vorzuwerfen hat, weil seine Elf da war, als es darauf ankam und ganz am Ende, in der Nachspielzeit, als Emil Forsberg per Kopf traf, dann eben doch nicht. Wie umgehen also mit dieser 1:2-Niederlage im DFB-Pokal-Halbfinale bei RB Leipzig, für die es viel Applaus gab und die sich doch wie ein Stoß ins eiserne Berliner Herz anfühlen musste?

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Wahnsinn!!!!! RB Leipzig steht nach einem 2:1-Erfolg gegen Union Berlin im Finale des DFB-Pokals! Zur Galerie
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Für einen kurzen Moment wusste das vielleicht auch Urs Fischer nicht, der in seinem Trainerleben ja eher selten verliert. Das Spiel in Leipzig war erst seine 46. Niederlage im 155. Pflichtspiel mit Union – das ist eine ziemlich gute Bilanz für jemanden, der nicht den FC Bayern oder Dortmund trainiert. Nur dürfte diese Statistik Fischer recht egal gewesen sein, als er gedankenverloren über den Platz schritt und versuchte, die 46. Pleite zu verarbeiten. Es war ja nicht irgendeine Niederlage, sondern die bitterste und brutalste seit der 56-Jährige Union anleitet.

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Etwas später am Mittwochabend, die Zeiger der Uhren tickten schon Richtung Mitternacht, da wurde Fischer bei der Pressekonferenz gefragt, wie die Stimmung nun in der Berliner Kabine sei. „Natürlich nicht gut“, brummte der Trainer, „verlieren tut keiner gern.“ Den Berlinern durfte man allerdings zugute halten, dass sie es in Würde taten und den Schmerz tapfer ertrugen, allen voran Fischer. Erst beglückwünschte er seinen Leipziger Kollegen Domenico Tedesco, der merklich erleichtert wirkte, dann die eigene Mannschaft zu einem „außerordentlichen Spiel“.

Kein Wort des Vorwurfs rollte über Fischers Lippen, er wirkte nicht zornig oder wütend, sondern gefasst und war außerordentlich klar in seiner Analyse. „Wir haben zweimal nicht aufgepasst, und dann verlierst du solch ein Spiel“, stellte er trocken fest, ohne Sündenböcke finden zu wollen. „Der Kontakt ist wirklich nicht stark, aber er ist ausreichend“, bewertete er die entscheidende Szene des Spiels: das zum Elfmeter für Leipzig führende Foul von Innenverteidiger Paul Jaeckel an Christopher Nkunku. Selbst für Schiedsrichter Felix Brych, der erst den Videobeweis bemühen musste, um final auf den Punkt zu zeigen, hatte Fischer Verständnis übrig: „Der Kontakt reicht aus, um solche Entscheidungen zu treffen.“

Bis zum Ausgleich, den André Silva nach einer Stunde Spielzeit per Strafstoß sicherstellte, hatten die Unioner das Spiel auf ihre Weise quasi dominiert. Sie hatten erfolgreich die Räume verdichtet, waren in den Zweikämpfen präsent und mit klarem Verstand bei den Umschaltaktionen dabei. Am besten veranschaulichten das natürlich Taiwo Awoniyi, Christopher Trimmel und Sheraldo Becker, die so geradlinig wie effizient das 0:1 nach 25 Minuten auf den Weg brachten.

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Beckers Tor war aus Leipziger Sicht der negative Höhepunkt einer durch und durch vermurksten ersten Hälfte, wie Tedesco später zugab. „Wir haben eine fürchterliche erste Halbzeit gespielt, waren extrem nervös.“ Viele Ballverluste habe seine Elf gehabt. „Und wenn du gegen Union 0:1 zurückliegst, dann wird’s noch schwieriger. Es war sehr, sehr glücklich, dass wir das Spiel gewonnen haben.“

Fischer-Fußball in Reinform hatten die Berliner der spielerischen Klasse der Gäste entgegen gesetzt und dafür gesorgt, dass just diese Klasse so selten zu sehen war wie Schneefall im Sommer. „Wir haben das ganze Spiel geglaubt, dass wir die Sensation schaffen und ins Finale einziehen können“, sagte Robin Knoche, der Innenverteidiger, der eines seiner besten Spiele im Union-Trikot machte und die Abwehrkette dicht beisammen hielt. „Im Moment fühlt es sich einfach sehr leer an.“

Weil der Fußball manchmal die skurrilsten Dinge veranstaltet, müssen die Berliner den Moment der Leere rasch wieder füllen. Bereits am morgigen Samstag kehren sie zurück in das Leipziger Stadion, wo sie wieder liefern müssen. Dann geht es um Bundesliga-Punkte im engen Rennen um einen Europapokalplatz. „Das Leben geht weiter, Niederlagen gehören dazu. Wir sind alle gemeinsam gefragt, schnellst möglich das aus dem Kopf zu bekommen“, sagte Fischer und versprach, dass seine Elf am Sonnabend in „gleicher Art und Weise zurückzukommen“ werde. Was den Umgang mit dieser bitteren Niederlage betrifft, wäre dies sicher nicht die schlechteste Idee Fischers.