03. Oktober 2021 / 13:59 Uhr

Wolfsburger Sieglos-Serie: Aber mit Kritik tut sich van Bommel schwer

Wolfsburger Sieglos-Serie: Aber mit Kritik tut sich van Bommel schwer

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Das ging schnell schief: Mark van Bommel und der VfL Wolfsburg kassierten gegen Mönchengladbach (hier Embolos Fallrückzieher zum frühen 0:1) die ersten Heimniederlage.
Das ging schnell schief: Mark van Bommel und der VfL Wolfsburg kassierten gegen Mönchengladbach (hier Embolos Fallrückzieher zum frühen 0:1) die ersten Heimniederlage. © Boris Baschin
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Der tolle Saisonstart des VfL Wolfsburg verliert langsam an Glanz. Das 1:3 gegen Gladbach war das fünfte Pflichtspiel in Folge ohne Sieg. Maximilian Arnold ist sauer, Koen Casteels benennt die Probleme. Trainer Mark van Bommel dagegen tut sich mit öffentlicher Kritik weiter schwer.

Wenn irgendetwas im Spiel des VfL Wolfsburg sichtbar nicht gut funktioniert, sagt Mark van Bommel gern so etwas wie "Wir sind auf dem Weg, aber das dauert." So ähnlich äußerte er sich auch nach dem 1:3 (1:2) seines Teams am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach. Es war wieder einmal die äußerste Form der Kritik, zu der der Trainer bereit war. Vermutlich spricht da immer noch der Spieler in ihm, der genau weiß, dass öffentliche Schelte des Übungsleiters die Dinge nicht besser macht. Dabei hätte der Niederländer diesmal vor allem zwei Anlässe für deutlichere Worte gehabt: Denn der VfL fing schlafmützig an - und er ist nach wie vor nicht in der Lage, aus einer Spieldominanz heraus angemessen viel Torgefahr zu entwickeln. Und so kam die Borussia durch frühe Tore von Breel Embolo und Jonas Hofmann sowie einem ganz späten Treffer von Joe Scally zum ersten Sieg in Wolfsburg seit 18 (!) Jahren, für den VfL traf vor 12.900 Zuschauerinnen und Zuschauern lediglich Luca Waldschmidt.

Nach sieben Minuten stand es bereits 0:2, die beiden Gegentreffer binnen exakt 100 Sekunden sorgten für den schnellsten 0:2-Rückstand der Wolfsburger Bundesliga-Geschichte. Das erste Tor resultierte aus einer hübschen Freistoßvariante, bei der die Wolfsburger vergaßen, sich um Denis Zakaria im Rückraum zu kümmern. Und vorm zweiten Treffer düpierte der überragende Embolo mit Josuha Guilavogui und Maxence Lacroix gleich zwei VfLer, ehe Sebastiaan Bornauw Hofmann ziehen ließ und Keeper Koen Casteels etwas zu halbherzig aus dem Tor kam.

Defensiv-Pannen, die man beim VfL früher eher selten sah, die sich aber einzuschleichen scheinen. Es entspricht dem Naturell von Maximilian Arnold, dafür besonders deutliche Worte zu finden: "Wir haben völlig geschlafen. Wir sollten langsam mal anfangen, nicht so sorglos zu verteidigen." Fehlt nach vielen Spielen zuletzt vielleicht die mentale Frische? "So ein Scheiß mit ,zu viele Spiele'. Dafür haben wir im letzten Jahr den Grundstein gelegt, wir wollen unbedingt international spielen, da gibt es keine Ausrede", so Arnold deutlich. "Da geht es einfach darum, den inneren Schweinehund zu bekämpfen und bereit zu sein - und das waren wir in den ersten sieben Minuten nicht."

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Das zweite Problem benannte Kapitän Casteels: "Wenn wir ins Spiel zurückkommen oder den Sack zumachen können, dann müssen wir ein bisschen mehr Killer sein", so Wolfsburgs Torwart, der den VfL unter anderem mit einem gehaltenen Elfmeter vor einer noch höheren Niederlage bewahrte. In der Tat: Der VfL hätte das Spiel, in das er sich gegen immer wieder mit viel physischer Wucht pressende Gladbacher reinkämpfte, auch drehen können, war aber vorn oft zu harmlos oder scheiterte - wie etwa Dodi Lukebakio, Guilavogui und spät der eingewechselte Daniel Ginczek - aus guten Abschlusspositionen.

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Und so verliert der tolle VfL-Saisonstart mit vier Siegen in Folge langsam an Glanz. Zum einen, weil immer klarer wird, dass die ersten Gegner eher unteres Liga-Niveau darstellen (Bochum, Hertha, Fürth) oder erst jetzt zu ihrer Leistungsstärke finden (Leipzig). Und zum anderen, weil der Trend gerade echt mies ist: 0:0 in Lille, 1:1 gegen Frankfurt, 1:3 in Hoffenheim, 1:1 gegen Sevilla und nun 1:3 gegen Gladbach. Fünf Pflichtspiele, 4:8 Tore, kein Sieg. "Jetzt ist Länderspielpause - und man kann schon sagen, dass das gut ist", findet van Bommel. Casteels sah es ähnlich: "Die, die hier bleiben, können sich erholen, die Nationalspieler können im Kopf ein bisschen vom VfL abschalten, wir hatten jetzt viele Spiele in kurzer Zeit." Danach gehe es dann "mit voller Kraft in den nächsten Block rein" - den VfL-Pflichtspielen bis zur nächsten Länderspielpause Mitte November.

Noten und Einzelkritik zum Spiel des VfL Wolfsburg gegen Mönchengladbach

<b>Koen Casteels: </b> Ging beim 0:2 weit raus, kam aber zu spät. Danach mit starken Paraden und gewohnt sicher, parierte sogar Stindls Elfmeter. Note 2 Zur Galerie
Koen Casteels: Ging beim 0:2 weit raus, kam aber zu spät. Danach mit starken Paraden und gewohnt sicher, parierte sogar Stindls Elfmeter. Note 2 ©

Bis dahin gilt es am Defensiv-Verhalten und an der Abstimmung in der Offensive zu arbeiten. Diese Probleme öffentlich zu benennen, damit tut sich der Trainer schwer. Seit dem Testspiel-0:3 im Juli gegen Rostock, als der Niederländer sein Team kritisierte ("Von den Bundesliga-Spielern erwarte ich mehr!") und anschließend überrascht vom medialen Echo seiner Sätze war, formuliert er lieber Allgemeinplätze. Diesmal klang das so: "Wir haben nicht nur neue Spieler, sondern auch einen neuen Trainer. Wir sind auf dem Weg zu dem Spiel, das ich mir vorstelle, aber das dauert." Manchmal mache man "schnelle Schritte nach vorn, manchmal auch einen zurück", denn "es geht nicht von 0 auf 100, auch nicht von 50 auf 100. Und wir haben in jedem Bundesliga-Spiel mindestens ein Tor geschossen." Das ist die eine Wahrheit. Die andere: Es war in allen Heimspielen auch nie mehr als eins. Und das ist für die eigenen Ansprüche vor allem dann zu wenig, wenn hinten Fehler passieren.


"Große Kleinigkeiten", nannte van Bommel das am Samstag, und war sich der Ironie des sprachlichen Widerspruchs durchaus bewusst. Der letzte Ball müsse besser werden, den Weg dahin "machen wir sehr gut", es wäre schlimmer, wenn es gar keinen offensiven Möglichkeiten gäbe. Und dann gab es doch einen kleinen Halbsatz, der Einsicht verriet: "Dass wir es besser machen müssen, ist klar." Spätestens seit Samstag.